Bild: «Kirche in Not»

Kinderreiche Familien aus Kosovo geben in Mazedonien Zeugnis

Die katholische Kirche ist in Mazedonien eine kleine Familie

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Pfarrer Dimitar Tasev und Bischof Kiro Stojanov in der Pfarrei Gevgeljija

Die Länderreferentin, Magda Kaczmarek,  des internationalen katholischen Hilfswerks «Kirche in Not» ACN („Aid to the Church in Need“) hat im Juni 2017 das südosteuropäische Land Mazedonien bereist. Im nachfolgenden Interview schildert sie ihre Eindrücke, die sie in der einzigen römisch-katholischen Diözese und dem griechisch-katholischen Exarchat des Landes gesammelt hat.

Frau Kaczmarek, Sie haben kürzlich Mazedonien im Rahmen einer Dienstreise für «Kirche in Not» bereist. Ist die ehemalige jugoslawische Republik ist ein Konglomerat von Völkern?

Ja, die Republik Mazedonien zählt heute rund zwei Millionen Einwohner und besteht aus ganz verschiedenen Volksgruppen: die Mazedonier bilden die stärkste Gruppe mit über 60 Prozent, dann kommen Albaner, Türken, Roma, Serben, Bosniaken und andere Ethnien.

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Pater Tomasz Bak mit einer Familie in Kumanovo
Die unruhige Situation im Lande hat veranlasst, dass die katholische Kirche in Mazedonien mit anderen Konfessionen zum Gebet für den Frieden aufgerufen hat. Welche sind die Gründe dieser Unruhe?

Es gibt vor allem zwei Gründe. Auf der einen Seite stellt Griechenland die Ansprüche an den historischen Namen Mazedonien. Der Streit um den Namen Mazedonien begann mit der Unabhängigkeitserklärung der jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien 1991 unter dem Namen Republik Mazedonien. Aus diesem Grund blockiert Griechenland zum Beispiel den Beitritt Mazedoniens zur Nato und EU. Das ist auf jeden Fall eine Konfliktsituation und dieser Konflikt dauert an. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass die Zahl der Albaner sehr gewachsen ist, ganz besonders wegen der nach dem letzten Balkankrieg vor allem aus dem Kosovo eingewanderten Albaner. Mittlerweile machen sie ein Viertel der Bevölkerung aus, die ihre Sprache und ihre Rechte beanspruchen.

Und beeinflussen diese Spaltungen auch das religiöse Leben im Land?

Es ist die Frage, wieviel Toleranz die neukonstituierte Regierung des Sozialdemokraten Zoran Zaev zeigt. Unter den Albanern gibt es auch Katholiken, und sie werden sicherlich versuchen ihren Glauben in ihrer Muttersprache zu praktizieren. Und die albanischen Muslime bauen ihre Moscheen. Da ist die Gefahr der Radikalisierung, die auf dem Balkan ganz besonders präsent ist durch den Einfluss von Saudi-Arabien. Die grösste Albanersiedlung in Mazedonien liegt ausserhalb von Skopje, der Hauptstadt von Mazedonien, und sie heisst Skopska Crna Gora, Schwarzer Berg von Skopje. Es scheint wie eine Enklave zu sein.

Die hl. Mutter Teresa wurde als Albanerin in Skopje geboren aber sie wird von beiden Völkern, sowohl von den Mazedoniern als auch von den Albanern als ihre Mutter bezeichnet, richtig?

Ja. Mutter Teresa verbindet sozusagen die beiden Völker. In Skopje wurde ein Mahnmal in Form von einem Museum mit einer Kapelle errichtet. In beiden Ländern werden nach ihrem Namen Flughafen, Autobahn, Shopping Center, Krankenhäuser und selbstverständlich viele Pfarreien und Kirchen genannt.

Mazedonien liegt auf der Balkanroute, haben Sie Flüchtlinge gesehen?

Nicht wirklich. An der Grenze zu Serbien scheinen noch einige zu leben. In Mazedonien erzählt man von chaotischen Verhältnissen im letzten Jahr an der Grenze zu Serbien und von Flüchtlingen, die in Mazedonien ums Leben gekommen sind, da sie am Ende ihrer Kräfte waren, als sie dort ankamen. Auch die katholische Kirche hat versucht, Hilfe zu leisten. Die Pfarrei Radovo hat deswegen die Migrantenseelsorge ins Leben gerufen und Schulungen und Seminare für Volontäre, die mit Flüchtlingen arbeiten, organisiert.

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Pater Tomasz Bak auf dem Land fuer die neue Kirche in Kumanovo
Welcher anderen Herausforderung muss das Land sich stellen?

Das Land gilt offiziell als Kandidat für die EU. Aber auf meiner Reise habe ich kaum Investoren aus dem Ausland gesehen: keine Autohändler, keine internationalen Konzerne oder Supermärkte. Ansonsten scheint die Korruption ein grosses Problem zu sein. Den Berichten nach kann man sogar in einigen Orten einen Studienabschluss käuflich erwerben, ohne studiert zu haben. Die Korruption ist auch auf der Ebene der Behörden sichtbar. Aber das Problem der Korruption ist in anderen Ländern Südosteuropas leider ebenso stark vertreten. Es wird noch lange dauern, bis die Menschen umdenken und verstehen, dass die Korruption die ganze Gesellschaft gefährdet.

Die katholische Kirche in Mazedonien ist eine ganz kleine Minderheit im Land, richtig?

Die beiden grössten Religionen im Land sind das orthodoxe Christentum (65%) und der Islam (33%). Lediglich ein Prozent der Einwohner ist katholisch, es ist also eine kleine Diasporakirche. Msgr. Kiro Stojanov ist offiziell der Exarch für den byzantinischen Ritus mit Sitz in Strumica, und er ist gleichzeitig auch der Bischof für den lateinischen Ritus mit Sitz in Skopje. Insgesamt sind 23 Priester in 17 Pfarreien tätig. Die katholische Kirche des byzantinischen Ritus kommt mir immer wie eine kleine Familie vor. Die Mehrheit der Priester, der Ordensleute und der Gläubigen sind miteinander verwandt. Die Quelle der Berufungen in Mazedonien ist der schon genannten Ort Radovo mit 45.000 Einwohnern. Kinder- und Jugendpastoral wird hier besonders gross geschrieben. «Kirche in Not» unterstützt zum Beispiel ihre Sommerlager „Ferien mit Gott“, an denen übrigens auch orthodoxe Kinder teilnehmen; das fördert die Ökumene.

Und wie sieht es bei der römisch-katholischen Kirche aus?

Die römisch-katholische Kirche ist in den letzten Jahren ziemlich geschrumpft. Bis vor kurzem gab es nur zwei römisch-katholische Priester in ganz Mazedonien. In den letzten Jahren wurden zwei grosse Pfarreien von den Salesianern in Bitola und den Jesuiten in Ohrid verlassen. Beide Gemeinschaften kamen aus dem Ausland, da es nicht genügend einheimische Berufungen gab. Den Priestern geht es generell schlecht. Von den Almosen der Gläubigen vor Ort können sie leider nicht leben. Der Bischof bedauert sehr, dass seine Priester nach Finanzmitteln im Ausland suchen müssen, um überleben zu können.

Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Anliegen, wo «Kirche in Not» der lokalen Kirche in Mazedonien helfen könnte?

Der junge Dompfarrer Davor möchte gerne die römisch-katholische Kathedrale zum Allerheiligsten Herz Jesu in Skopje renovieren. Sie ist im Kommunismus erbaut worden und seit Jahrzehnten nicht renoviert. Das Dach ist undicht. Don Davor möchte bald mit den Plänen für die Renovierung beginnen. Ausserdem gibt es keine religiöse Literatur in mazedonischer Sprache, daher wird die Übersetzung von Messbuch und Lektionar sowie des Kompendiums-Katechismus der katholischen Kirche geplant. Laut dem Dompfarrer ist das Kompendium ein gutes Instrument der Evangelisierung, da die Menschen sehr offen sind. Viele von ihnen sind nicht getauft oder sie haben ihren Glauben nicht praktiziert und sie suchen nach „etwas“. „Wir Priester können nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen, wir sollen zu ihnen gehen“, sagte mir der kroatische Priester, der vor zwei Jahren aus Bosnien kam, als der Bischof für die Diözese Skopje nach Priestern im Ausland gesucht hat.

Gab es ein Erlebnis oder eine Begegnung auf der Reise, die Sie besonders bewegt oder beeindruckt hat?

Ja, wir haben mit dem Bischof die Pfarrei Kumanovo besucht. Der junge polnische Pfarrer Tomasz fing erst vor kurzem an, dort die Pfarrei wiederzubeleben. Die Pfarrei existierte schon, aber sie war lange Zeit nicht besetzt. Es hat mich sehr beeindruckt, dass drei kinderreiche Familien aus Kosovo ausgewandert sind, um in Mazedonien, der Pfarrei und der Umgebung Lebens- und Glaubenszeugnis zu geben. Jede Familie hat zwischen acht und zehn Kindern. Die Eltern sind sehr gut ausgebildet und hatten gute Berufe in ihrem Heimatland. Zum Beispiel Anna, mit dem neunten Kind schwanger, ist Deutschlehrerin. Ihr Mann ist Zahnarzt. Gerade während unseres Besuches hat er ein Vorstellungsgespräch gehabt. Anna hat uns von ihrem Glauben erzählt und wie sie zu Gott gefunden hat. Für sie hat das Leben ohne Christus keinen Sinn. Beide möchten ein lebendiges Beispiel für die vielen anderen sein, die nach dem Sinn in ihrem Leben suchen. So viel Gottvertrauen und Gottesliebe hat mich zutiefst beeindruckt.

«Kirche in Not» unterstütze 2016 Projekte in Mazedonien im Umfang von CHF 25 000.

Spenden mit Vermerk «Mazedonien» können gerichtet werden an:

Bild: Kirche in NotKirche in Not
Aide à l’Église en Détresse
Aid to the Church in Need

       ACN               SCHWEIZ   LIECHTENSTEIN

Cysatstrasse 6, 6004 Luzern, Telefon 041 410 46 70
E-Mail: mail@kirche-in-not.ch; Internet: www.kirche-in-not.ch

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