{"id":455,"count":1,"description":"Anthropologie (griech. = die Lehre vom Menschen) hei\u00dft der reflexe Versuch des Menschen, sein Selbstverst\u00e4ndnis apriorisch-transzendental oder von einer Offenbarung Gottes her oder aus aposteriorischen Wissenschaften (Medizin, Biologie, Psychologie, Soziologie usw.) zu gewinnen. Eine eigentlich theologische Anthropologie wird insofern als aposteriorisch erscheinen m\u00fcssen, als sie dasjenige voraussetzt, was in der geschichtlichen Glaubensbotschaft als Aussage \u00fcber den Menschen schon geh\u00f6rt ist. Indessen ist mit dieser Voraussetzung noch nicht von vornherein unm\u00f6glich gemacht, da\u00df die in geschichtlicher Kontingenz von au\u00dfen kommende Deutung des Menschen doch die absolute, grundlegende und entscheidende Interpretation des Menschen ist. Der Mensch ist ja von seinem Wesen her derjenige, der notwendig auf das geschichtlich Aposteriorische verwiesen ist und dieses nicht rationalistisch als \"unwesentlich\" abtun kann; in jeder Reflexion hat er sich (nur) als den historisch Bedingten, als den Weggegebenen und Umgehenden; diese geschichtliche Konkretheit kann er in keiner Wissenschaft ad\u00e4quat reflektieren, das heisst von sich selbst als einem apriorisch Gehabten und Verstandenen abl\u00f6sen (sosehr er das Wesen eines urspr\u00fcnglichen Selbstbesitzes ist: Person, Befindlichkeit). Darum braucht die aposteriorische Anthropologie der Offenbarung dem ad\u00e4quaten apriorischen Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen nicht als fremde Norm entgegenzutreten; darum kann die theologische Anthropologie legitim mit dem faktischen Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen aus dem historisch Geh\u00f6rten und aus dem get\u00e4tigten Glauben ansetzen.\na) Die Offenbarung des Alten Testaments und Neuen Testaments enth\u00e4lt Aussagen \u00fcber den Menschen, die mit absoluter Verbindlichkeit auftreten und den Anspruch erheben, den Menschen erst und allein zur erfahrenen Erkenntnis seines eigentlichen (konkreten, historischen) Wesens zu bringen. Der Mensch wird als das in seiner Welt unvergleichliche Wesen geschildert, so sehr als Subjekt, da\u00df er Partner Gottes ist, dem gegen\u00fcber alles andere von Gottes Sch\u00f6pferwillen her und darum in seinem eigenen wahren Wesen nur Umwelt ist. Diese Subjektivit\u00e4t als Geist, Freiheit, ewig individuelle Bedeutung und G\u00fcltigkeit vor Gott, als F\u00e4higkeit der Partnerschaft mit Gott in einem echt dialogischen \"bundesf\u00e4higen\" Verh\u00e4ltnis bis zur absoluten N\u00e4he \"von Angesicht zu Angesicht\" im unzug\u00e4nglichen Licht und in der \"Teilhabe an der g\u00f6ttlichen Natur\", in dem Erkennen, wie wir erkannt sind, ferner als die M\u00f6glichkeit, als \u00c4u\u00dferung Gottes selbst anwesend zu sein (Menschwerdung Gottes), macht den Menschen wirklich zu einem Seienden, das im letzten nicht Teilst\u00fcck eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen (Welt), sondern das Ganze in je einmaliger Weise selbst, eben Subjekt, Person, \"Existenz\" im Gegensatz zum Vorhandenen ist. Die echt geschichtliche, das heisst einmalige (nicht zyklische) Geschichte des Kosmos ist ein Moment an dieser Geschichte zwischen Gott und Mensch von Anfang an bis zum Ende; die Geschichte des Menschen ist nicht ein Moment einer umfassenden Kosmogonie, sondern Welt ist nur die vorausgesetzte Erm\u00f6glichung der Geschichte des Menschen und hat in dieser ihren letzten Erm\u00f6glichungsgrund: das  Ende des Kosmos ist von der Geschichte des Menschen vor Gott bestimmt. Innerhalb dieser Geschichte wei\u00df sich der (christlich glaubende) Mensch trotz seiner Gesch\u00f6pflichkeit und S\u00fcndigkeit und in ihr als der von Gott geschichtlich Angesprochene, und zwar mit dem Wort absoluter, freier, also gnadenhafter Selbsterschlie\u00dfung Gottes in dessen eigenstem Leben. Diese Aussage ist einerseits f\u00fcr den Christen als zusammenfassende Aussage dessen, was er glaubend von sich h\u00f6rt, unmittelbar verst\u00e4ndlich und ist anderseits als urspr\u00fcnglicher Ansatz der theologischen Anthropologie geeignet.\nb) Von diesem Grundansatz her ergibt sich die Kreat\u00fcrlichkeit als die umfassendste Bestimmung des Menschen, und zwar prim\u00e4r die subjekthafte Kreat\u00fcrlichkeit (von der die Geschaffenheit des blo\u00df Vorhandenen nur ein defizienter Modus ist), also die unendliche Offenheit f\u00fcr Gott in dem, der nicht Gott ist, als zugleich positive und negative Bestimmung, die in ihren beiden Seiten im selben Ma\u00df vor dem unvergleichlichen Gott w\u00e4chst.\nc) Trotz einer Erkennbarkeit der Tatsache der Offenbarung durch die nat\u00fcrliche Vernunft (siehe Praeambula fidei) ist der eigentliche H\u00f6rer der g\u00f6ttlichen Offenbarung derjenige Mensch, der die g\u00f6ttliche Offenbarung in absolutem (also liebendem), durch die Selbstmitteilung Gottes in Gnade erm\u00f6glichten Glaubensgehorsam so annimmt, da\u00df die Qualit\u00e4t des g\u00f6ttlichen Wortes als der Selbstoffenbarung nicht verlorengeht und durch das Apriori des H\u00f6renk\u00f6nnens des endlichen Menschen nicht zu einem menschlichen Wort depotenziert wird. Von hier aus lie\u00dfe sich der Unterschied zwischen Natur und Gnade urspr\u00fcnglich gewinnen: Gnade ist die apriorische F\u00e4higkeit der konnaturalen Aufnahme der Selbsterschlie\u00dfung Gottes im Wort (Glauben-Lieben) und in der Anschauung Gottes; Natur ist die bleibende, in diesem H\u00f6renk\u00f6nnen vorausgesetzte Verfassung des Menschen derart, da\u00df der S\u00fcnder und Ungl\u00e4ubige sich dieser andr\u00e4ngenden Selbsterschlie\u00dfung Gottes verschlie\u00dfen kann, und derart, da\u00df diese Selbsterschlie\u00dfung dem Menschen als schon geschaffenem gegen\u00fcber noch als das freie Wunder der personalen Liebe erscheinen kann, das er von \"sich\" ( = Natur) her nicht fordern kann, obwohl es ihm zugesprochen werden kann und er daf\u00fcr wesentlich offen ist (siehe Potentia oboedientialis).\nd) Von der Geschichtlichkeit des H\u00f6rens des Wortes Gottes her wird die Geschichtlichkeit des Menschen als seine Grundbestimmung und als theologische Aussage deutlich, die sich ausgezeichnet erweist an seiner Umwelthaftigkeit, Leiblichkeit, Geschlechtlichkeit, an der Einheit der Menschheit, darin, da\u00df er auf Gemeinschaft angelegt ist, am agonalen Charakter seines Daseins, an der geschichtlichen Bedingtheit und unaufholbaren Unverf\u00fcgbarkeit seiner Situation.\ne) Die theologische Anthropologie mu\u00df dem Verh\u00e4ltnis zwischen ihr und der Christologie besondere Aufmerksamkeit schenken. Die Inkarnation ist nur dann recht vernommen, wenn die Menschheit Jesu nicht nur das letztlich doch \u00e4u\u00dfere Instrument ist, mit dem sich ein unsichtbar bleibender Gott verlautbart, sondern genau das, was Gott selber (Gott bleibend) wird, wenn er sich selbst ent\u00e4u\u00dfert in die Dimension des Anderen seiner selbst, des Nichtg\u00f6ttlichen. Auch wenn Gott die Welt schaffen k\u00f6nnte ohne Inkarnation, so ist mit diesem Satz doch vereinbar, da\u00df die M\u00f6glichkeit der Sch\u00f6pfung in der radikaleren M\u00f6glichkeit der Selbstent\u00e4u\u00dferung Gottes begr\u00fcndet ist (da ja in dem einfachen Gott nicht  einfach  verschiedene  M\u00f6glichkeiten  nebeneinanderliegen). Dann aber ist der Mensch in urspr\u00fcnglicher Definition: das m\u00f6gliche Anderssein der Selbstent\u00e4u\u00dferung Gottes und der m\u00f6gliche Bruder Jesu. Von Gott und vom Menschen her erscheint so die Christologie als die radikalste, \u00fcberbietende Wiederholung der theologischen Anthropologie.\nf) Eine geschlossene theologische Anthropologie ist heute noch nicht gegeben. Was die Offenbarung Gottes \u00fcber den Menschen sagt, das ist auf die einzelnen theologischen  Traktate vor allem der Dogmatik verteilt, ohne da\u00df der systematische Grund der ganzen Anthropologie schon reflex herausgearbeitet w\u00e4re.\nkthW","link":"https:\/\/website.ifit.li\/?tag=anthropologie","name":"Anthropologie","slug":"anthropologie","taxonomy":"post_tag","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags\/455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags"}],"about":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/taxonomies\/post_tag"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts&tags=455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}