{"id":7702,"date":"2016-11-21T21:48:52","date_gmt":"2016-11-21T20:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ifit.ch\/wordpress\/?p=7702"},"modified":"2024-06-18T10:28:33","modified_gmt":"2024-06-18T08:28:33","slug":"misericordia-et-misera-die-barmherzigkeit-und-die-erbaermliche-hl-augustinus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=7702","title":{"rendered":"Misericordia et misera \u2013 die Barmherzigkeit und die Erb\u00e4rmliche"},"content":{"rendered":"<h2>Apostolisches Schreiben zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/2015-12-08-Papst-Franziskus-eröffnet-das-Pforte-für-Jahr-der-Barmherzigkeit-Predigt.png\"><img data-opt-id=98971504  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-6443 size-medium\" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:178\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/2015-12-08-Papst-Franziskus-eröffnet-das-Pforte-für-Jahr-der-Barmherzigkeit-Predigt.png\" alt=\"Bild: EWTN live\" width=\"300\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:178\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/2015-12-08-Papst-Franziskus-er\u00f6ffnet-das-Pforte-f\u00fcr-Jahr-der-Barmherzigkeit-Predigt.png 300w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1024\/h:608\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/2015-12-08-Papst-Franziskus-er\u00f6ffnet-das-Pforte-f\u00fcr-Jahr-der-Barmherzigkeit-Predigt.png 1024w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1050\/h:623\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/2015-12-08-Papst-Franziskus-er\u00f6ffnet-das-Pforte-f\u00fcr-Jahr-der-Barmherzigkeit-Predigt.png 1050w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Papst Franziskus erbittet allen Lesern des Apostolischen Schreibens &#171;Misericordia et misera&#187; zum Abschluss des Au\u00dferordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit &#171;<em>Barmherzigkeit und Frieden<\/em>&#171;. Der folgende Wortlaut in offizieller deutscher \u00dcbersetzung wurde von Radio Vatikan, <a href=\"http:\/\/de.radiovaticana.va\/news\/2016\/11\/21\/papstschreiben_zum_ende_des_hl_jahres_-_der_volle_wortlaut\/1273677\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel 1273677<\/a>, \u00fcbernommen:<\/p>\n<p>Misericordia et misera \u2013 die Barmherzigkeit und die Erb\u00e4rmliche, das sind die beiden Worte, die der heilige Augustinus gebraucht, um die Begegnung zwischen Jesus und der Ehebrecherin zu beschreiben (vgl. <a href=\"http:\/\/www.bibleserver.com\/text\/EU\/Johannes8.1-11\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Joh 8,1-11<\/a>). Eine sch\u00f6nere und schl\u00fcssigere Formulierung als diese konnte er nicht finden, um das Geheimnis der Liebe Gottes verst\u00e4ndlich zu machen, wenn diese dem S\u00fcnder begegnet: \u00bb\u00a0Es blieben nur zwei: die Erb\u00e4rmliche und die Barmherzigkeit.\u00a0\u00ab[1] Wie viel Erbarmen und g\u00f6ttliche Gerechtigkeit liegt in dieser Erz\u00e4hlung! Ihre Lehre wirft ein Licht auf den Abschluss des Au\u00dferordentlichen Jubil\u00e4ums der Barmherzigkeit und zeigt zugleich den Weg auf, den wir in Zukunft gehen sollen.<!--more--><\/p>\n<p>1. Dieser Abschnitt aus dem Evangelium kann zu Recht als Bild dessen \u00fcbernommen werden, was wir im Heiligen Jahr, einer Zeit reich an Erbarmen, gefeiert haben. Und dieses Erbarmen verlangt, weiter in unseren Gemeinschaften gefeiert und gelebt zu werden. Die Barmherzigkeit kann n\u00e4mlich im Leben der Kirche nicht ein blo\u00dfer Einschub sein, sondern sie ist ihr eigentliches Leben, das die tiefe Wahrheit des Evangeliums deutlich und greifbar werden l\u00e4sst. Alles wird in der Barmherzigkeit offenbart; alles wird in der barmherzigen Liebe des Vaters gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Eine Frau und Jesus begegnen einander. Sie, eine Ehebrecherin und nach dem Gesetz zur Steinigung verurteilt; er, der mit seiner Verk\u00fcndigung und seiner Ganzhingabe, die ihn ans Kreuz bringen sollte, das Gesetz des Mose auf seine echte urspr\u00fcngliche Absicht zur\u00fcckgef\u00fchrt hat. Im Mittelpunkt stehen nicht das Gesetz und die legale Gerechtigkeit, sondern die Liebe Gottes. Sie versteht, im Herzen eines jeden Menschen zu lesen, um seine verborgenste Sehnsucht zu erfassen, und muss vor allem den Vorrang haben. In dieser Erz\u00e4hlung des Evangeliums begegnen sich jedoch nicht abstrakt S\u00fcnde und Urteil, sondern eine S\u00fcnderin und der Heiland. Jesus hat dieser Frau in die Augen geschaut und in ihrem Herzen gelesen: Dort hat er die Sehnsucht entdeckt, Verst\u00e4ndnis, Vergebung und Befreiung zu erlangen. Die Erb\u00e4rmlichkeit der S\u00fcnde ist von der Erbarmung der Liebe \u00fcberkleidet worden. Kein Urteil von Seiten Jesu, das nicht von Erbarmen und Mitleid mit der Lage der S\u00fcnderin gepr\u00e4gt w\u00e4re. Denen, die sie richten und zum Tode verurteilen wollten, antwortet Jesus mit einem langen Schweigen, das die Stimme Gottes in den Herzen sowohl der Frau als auch ihrer Ankl\u00e4ger durchklingen lassen will. Letztere lassen die Steine fallen, die sie in H\u00e4nden halten, und gehen einer nach dem anderen weg (vgl. Joh 8,9). Und nach jenem Schweigen sagt Jesus: \u00bb\u00a0Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? [\u2026] Auch ich verurteile dich nicht. Geh und s\u00fcndige von jetzt an nicht mehr!\u00a0\u00ab (V.10-11). Auf diese Weise hilft er ihr, voll Hoffnung in die Zukunft zu schauen und bereit zu sein, ihr Leben neu zu beginnen; von jetzt an kann sie, wenn sie will, \u201ein der Liebe wandeln\u201c (vgl. Eph 5,2). Wenn man erst einmal von der Barmherzigkeit \u00fcberkleidet worden ist, dann ist der Zustand der Schwachheit aufgrund der S\u00fcnde, auch wenn er fortbesteht, \u00fcbertroffen von der Liebe, die erlaubt, dar\u00fcber hinauszusehen und anders zu leben.<\/p>\n<p>2. Jesus hatte das im \u00dcbrigen in aller Deutlichkeit gelehrt, als er von einem Pharis\u00e4er zum Essen eingeladen war und eine Frau an ihn herantrat, die allen als S\u00fcnderin bekannt war (vgl. Lk 7,36-50). Sie hatte Jesu F\u00fc\u00dfe mit wohlriechendem \u00d6l gesalbt, sie mit ihren Tr\u00e4nen benetzt und mit ihrem Haar getrocknet (vgl. V. 37-38). Als der Pharis\u00e4er schockiert reagierte, antwortete Jesus: \u00bb\u00a0Ihr sind ihre vielen S\u00fcnden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe\u00a0\u00ab (V. 47).<\/p>\n<p>Die Vergebung ist das sichtbarste Zeichen der Liebe des Vaters, die Jesus in seinem ganzen Leben offenbaren wollte. Es gibt keine Stelle im Evangelium, die aus diesem Imperativ der Liebe, die bis zur Vergebung reicht, ausgeklammert werden k\u00f6nnte. Sogar im letzten Moment seines Erdenlebens, als er ans Kreuz geschlagen wird, hat Jesus noch Worte der Vergebung: \u00bb\u00a0Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun\u00a0\u00ab (Lk 23,34).<\/p>\n<p>Nichts, was ein reum\u00fctiger S\u00fcnder vor die Barmherzigkeit Gottes tr\u00e4gt, kann ohne die Umarmung seiner Vergebung bleiben. Das ist der Grund, warum niemand von uns der Barmherzigkeit Bedingungen stellen kann; sie bleibt immer ein Akt der Unentgeltlichkeit des himmlischen Vaters, eine bedingungslose und unverdiente Liebe. Wir d\u00fcrfen daher nicht Gefahr laufen, uns der v\u00f6lligen Freiheit der Liebe entgegenzustellen, mit der Gott in das Leben jedes Menschen eintritt.<\/p>\n<p>Die Erbarmung ist diese konkrete Handlung der Liebe, die das Leben verwandelt und \u00e4ndert, indem sie verzeiht. Das ist die Weise, wie sich ihr g\u00f6ttliches Geheimnis zeigt. Gott ist barmherzig (vgl. Ex 34,6), sein Erbarmen w\u00e4hrt ewig (vgl. Ps 136), von Generation zu Generation umarmt er jede Person, die auf ihn vertraut, und verwandelt sie, indem er ihr sein eigenes Leben schenkt.<\/p>\n<p>3. Wie viel Freude ist im Herzen dieser beiden Frauen, der Ehebrecherin und der S\u00fcnderin, erweckt worden! Die Vergebung hat ihnen endlich das Gef\u00fchl vermittelt, frei und gl\u00fccklich zu sein wie nie zuvor. Die Tr\u00e4nen der Scham und des Schmerzes haben sich in das L\u00e4cheln derer verwandelt, die wissen, dass sie geliebt werden. Die Barmherzigkeit erweckt Freude, weil sich das Herz der Hoffnung auf ein neues Leben \u00f6ffnet. Die Freude \u00fcber die Vergebung ist unbeschreiblich, leuchtet in uns aber jedes Mal auf, wenn wir Vergebung erfahren. Ihr Ursprung ist die Liebe, mit der Gott auf uns zukommt und den Kreis des Egoismus durchbricht, der uns umgibt, um uns unsererseits zu Werkzeugen der Barmherzigkeit zu machen.<\/p>\n<p>Wie bedeutsam sind auch f\u00fcr uns die alten Worte, die die ersten Christen leiteten: \u00bb\u00a0Ergib dich also der Fr\u00f6hlichkeit, die allezeit Gnade findet bei Gott und ihm wohlgef\u00e4llig ist, und lass dir\u2019s in ihr wohl sein! Denn jeder fr\u00f6hliche Mann tut Gutes, sinnt auf Gutes und verachtet die Traurigkeit [\u2026] Alle werden Leben haben bei Gott, die der Traurigkeit absagen und sich allein der Fr\u00f6hlichkeit ergeben.\u00a0\u00ab [2] Erbarmen zu erfahren, schenkt Freude. Lassen wir sie uns nicht nehmen durch die verschiedenen Betr\u00fcbnisse und Sorgen. M\u00f6ge sie fest in unserem Herzen verwurzelt bleiben und uns immer mit frohem Gleichmut auf das Alltagsleben blicken lassen.<\/p>\n<p>In einer oft von der Technik beherrschten Kultur scheinen sich die Formen von Traurigkeit und Einsamkeit zu vervielf\u00e4ltigen, in die die Menschen \u2013 und sogar viele Jugendliche \u2013 fallen.\u00a0 Tats\u00e4chlich scheint die Zukunft eine Geisel der Unsicherheit zu sein, die keine Best\u00e4ndigkeit gew\u00e4hrt. Auf diese Weise kommen oft Gef\u00fchle von Schwermut, Traurigkeit und Verdruss auf, die allm\u00e4hlich in die Verzweiflung f\u00fchren k\u00f6nnen. Es braucht Zeugen der Hoffnung und der echten Freude, um die Trugbilder zu verscheuchen, die ein m\u00fcheloses Gl\u00fcck mit k\u00fcnstlichen Paradiesen versprechen. Die tiefe Leere so vieler kann durch die Hoffnung, die wir im Herzen tragen, und durch die Freude, die daraus hervorgeht, aufgef\u00fcllt werden. Es ist so notwendig, die Freude kennenzulernen, die sich in dem vom Erbarmen ber\u00fchrten Herzen offenbart. Beherzigen wir also die Worte des Apostels: \u00bb\u00a0Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!\u00a0\u00ab (Phil 4,4; vgl. 1\u00a0Thess 5,16).<\/p>\n<p>4. Wir haben ein intensives Jahr begangen, in dem uns die Gnade der Barmherzigkeit reichlich geschenkt worden ist. Wie ein heftiger und heilsamer Wind wehten die G\u00fcte und das Erbarmen des Herrn \u00fcber die ganze Erde hin. Und angesichts dieses liebevollen Blickes Gottes, der so anhaltend lange auf jeden von uns gerichtet war, kann man nicht gleichg\u00fcltig bleiben, denn er ver\u00e4ndert das Leben.<\/p>\n<p>Wir haben vor allem das Bed\u00fcrfnis, dem Herrn zu danken und ihm zu sagen: \u00bb\u00a0Du hast, o Herr, dein Land begnadet [\u2026] hast deinem Volk die Schuld vergeben\u00a0\u00ab (Ps 85,2-3). Genau das ist geschehen: Gott hat unsere Schuld zertreten und unsere S\u00fcnden in die Tiefe des Meeres hinabgeworfen (vgl. Mi 7,19); er erinnert sich nicht mehr an sie, er hat sie hinter seinen R\u00fccken geworfen (vgl. Jes 38,17); so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit sind unsere S\u00fcnden von ihm entfernt (vgl. Ps 103,12).<\/p>\n<p>In diesem Heiligen Jahr hat die Kirche verstanden zuzuh\u00f6ren, und sie hat ganz intensiv die Gegenwart und N\u00e4he des Vaters erfahren, der ihr durch das Wirken des Heiligen Geistes das Geschenk und den Auftrag Jesu Christi in Bezug auf die Vergebung verdeutlicht hat. Es ist wirklich ein neuer Besuch des Herrn in unserer Mitte gewesen. Wir haben gesp\u00fcrt, wie sein Lebensatem die Kirche anhauchte und seine Worte noch einmal auf die Sendung hinwiesen: \u00bb\u00a0Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die S\u00fcnden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert\u00a0\u00ab (Joh 20,22-23).<\/p>\n<p>5. Jetzt, da dieses Jubil\u00e4um abgeschlossen ist, wird es Zeit, nach vorne zu schauen und zu begreifen, wie auch weiterhin in Treue, Freude und Begeisterung der Reichtum der g\u00f6ttlichen Barmherzigkeit zu erfahren ist. Unsere Gemeinschaften werden im Werk der Neuevangelisierung in dem Ma\u00df lebendig und dynamisch bleiben k\u00f6nnen, wie die \u201epastorale Umkehr\u201c, die zu leben wir aufgerufen sind,[3] t\u00e4glich von der erneuernden Kraft der Barmherzigkeit gepr\u00e4gt sein wird. Schr\u00e4nken wir ihr Handeln nicht ein; betr\u00fcben wir nicht den Heiligen Geist, der immer neue Wege aufzeigt, die zu beschreiten sind, um allen das heilbringende Evangelium zu vermitteln.<\/p>\n<p>An erster Stelle sind wir aufgerufen, die Barmherzigkeit zu feiern. Wie viel Reichtum ist im Gebet der Kirche enthalten, wenn sie Gott als barmherzigen Vater anruft! In der Liturgie wird das Erbarmen nicht nur wiederholt ins Ged\u00e4chtnis gerufen, sondern wirklich empfangen und erlebt. Vom Anfang bis zum Ende der Eucharistiefeier kommt die Barmherzigkeit immer wieder vor im Dialog zwischen der betenden Gemeinde und dem Herzen des Vaters, der sich freut, wenn er seine erbarmungsvolle Liebe ausgie\u00dfen kann. Nach der anf\u00e4nglichen Vergebungsbitte mit dem Ruf \u00bb\u00a0Herr, erbarme dich!\u00a0\u00ab werden wir umgehend beruhigt: \u00bb\u00a0Der allm\u00e4chtige Gott erbarme sich unser, er lasse uns die S\u00fcnden nach und f\u00fchre uns zum ewigen Leben.\u00a0\u00ab Das ist die Zuversicht, in der sich die Gemeinde in der Gegenwart des Herrn versammelt, besonders am heiligen Tag der Auferstehung. Viele Tagesgebete haben den Sinn, an das gro\u00dfe Geschenk der Barmherzigkeit zu erinnern. So beten wir zum Beispiel in der Fastenzeit: \u00bb\u00a0Gott, unser Vater, du bist der Quell des Erbarmens und der G\u00fcte, wir stehen als S\u00fcnder vor dir und unser Gewissen klagt uns an. Sieh auf unsere Not und lass uns Vergebung finden durch Fasten, Gebet und Werke der Liebe.\u00a0\u00ab[4] Dann vertiefen wir uns in das gro\u00dfe Eucharistische Hochgebet mit der Pr\u00e4fation, die sagt: \u00bb\u00a0So sehr hast du [in deinem Erbarmen] die Welt geliebt, dass du deinen Sohn als Erl\u00f6ser gesandt hast. Er ist uns Menschen gleich geworden in allem, au\u00dfer der S\u00fcnde\u2026\u00ab[5] Das vierte Hochgebet ist zudem ein Hymnus auf die Barmherzigkeit Gottes: \u00bb\u00a0Voll Erbarmen [hast du] allen geholfen, dich zu suchen und zu finden.\u00a0\u00ab \u00bb\u00a0Erbarme dich \u00fcber uns alle\u00a0\u00ab[6], ist die dringliche Bitte, die der Priester im Hochgebet vorbringt, um die Teilhabe am ewigen Leben zu erflehen. Nach dem Vaterunser setzt er das Gebet mit der Bitte um Frieden und um Bewahrung vor der S\u00fcnde fort und f\u00fcgt hinzu: \u00bb\u00a0Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen.\u00a0\u00ab Und vor dem Friedensgru\u00df, der als Ausdruck der Geschwisterlichkeit und der gegenseitigen Liebe im Licht der empfangenen Vergebung ausgetauscht wird, betet der Priester von neuem: \u00bb\u00a0Schau nicht auf unsere S\u00fcnden, sondern auf den Glauben deiner Kirche.\u00a0\u00ab[7] Mit diesen Worten erbitten wir in dem\u00fctigem Vertrauen die Gabe der Einheit und des Friedens f\u00fcr die heilige Mutter Kirche. Die Feier der g\u00f6ttlichen Barmherzigkeit findet ihren H\u00f6hepunkt im eucharistischen Opfer, dem Ged\u00e4chtnis des Ostergeheimnisses Christi, aus dem das Heil f\u00fcr jeden Menschen, f\u00fcr die Geschichte und f\u00fcr die ganze Welt hervorgeht. So nimmt also jeder Moment der Eucharistiefeier auf das Erbarmen Gottes Bezug.<\/p>\n<p>Im gesamten sakramentalen Leben wird uns die Barmherzigkeit reichlich geschenkt. Es ist durchaus nicht bedeutungslos, dass die Kirche in der Formulierung der beiden Sakramente der \u201eHeilung\u201c, also der Vers\u00f6hnung und der Krankensalbung, einen ausdr\u00fccklichen Verweis auf die Barmherzigkeit machen wollte. In der Absolutionsformel hei\u00dft es: \u00bb\u00a0Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich vers\u00f6hnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der S\u00fcnden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden\u00a0\u00ab,[8] und bei der Krankensalbung: \u00bb\u00a0Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen; er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes\u00a0\u00ab.[9] So ist also die Bezugnahme auf die Barmherzigkeit im Gebet der Kirche alles andere als nur par\u00e4netisch, sie ist h\u00f6chst wirkungsvoll, das hei\u00dft, w\u00e4hrend wir sie im Glauben erflehen, wird sie uns gew\u00e4hrt; w\u00e4hrend wir sie als lebendig und real bekennen, verwandelt sie uns wirklich. Das ist ein grundlegender Inhalt unseres Glaubens, den wir in seiner ganzen Urspr\u00fcnglichkeit bewahren m\u00fcssen: Vor der Offenbarung der S\u00fcnde haben wir die Offenbarung der Liebe, mit der Gott die Welt und die Menschen erschaffen hat. Die Liebe ist der erste Akt, mit dem Gott sich zu erkennen gibt und uns entgegenkommt. Halten wir also unser Herz offen f\u00fcr das Vertrauen, von Gott geliebt zu sein. Seine Liebe kommt uns immer zuvor, begleitet uns und bleibt an unserer Seite trotz unserer S\u00fcnde.<\/p>\n<p>6. In diesem Zusammenhang bekommt auch das H\u00f6ren des Wortes Gottes eine besondere Bedeutung. An jedem Sonntag wird das Wort Gottes in der christlichen Gemeinde verk\u00fcndet, damit der Tag des Herrn von dem Licht erhellt wird, das aus dem Ostergeheimnis hervorgeht.[10] In der Eucharistiefeier scheint es, als erlebe man einen wirklichen Dialog zwischen Gott und seinem Volk. Bei der Verk\u00fcndigung der biblischen Lesungen geht man n\u00e4mlich noch einmal die Geschichte unseres Heiles nach auf dem Weg \u00fcber das unabl\u00e4ssige Wirken der Barmherzigkeit, von dem berichtet wird. Gott spricht heute immer noch zu uns wie zu Freunden, er \u00bb\u00a0verkehrt\u00a0\u00ab mit uns,[11] um uns mit seiner Gesellschaft zu beschenken und uns den Weg zum Leben zu zeigen. Sein Wort bringt unsere Bitten und Sorgen zum Ausdruck und bietet zugleich eine fruchtbare Antwort, damit wir ganz konkret seine N\u00e4he erfahren k\u00f6nnen. Welch eine Bedeutung kommt der Homilie zu, wo \u00bb\u00a0die Wahrheit mit der Sch\u00f6nheit und dem Guten einher[geht] \u00ab,[12] um das Herz der Gl\u00e4ubigen angesichts der Gr\u00f6\u00dfe des Erbarmens ins Schwingen zu bringen! So ermahne ich dringend, die Homilie entsprechend vorzubereiten und die Verk\u00fcndigung zu pflegen. Sie wird umso fruchtbarer sein, je mehr der Priester an sich selbst die barmherzige G\u00fcte des Herrn erfahren hat. Die Gewissheit zu vermitteln, dass Gott uns liebt, ist keine rhetorische \u00dcbung, sondern eine Bedingung f\u00fcr die Glaubhaftigkeit des eigenen Priestertums. Die Barmherzigkeit zu leben, ist daher der beste Weg, um sie im pastoralen Leben zu einer echten Verk\u00fcndigung des Trostes und der Umkehr werden zu lassen. Die Homilie wie auch die Katechese m\u00fcssen immer von diesem pulsierenden Herzen des christlichen Lebens unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>7. Die Bibel ist die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung, die von den Wundern der Barmherzigkeit Gottes berichtet. Jede Seite ist durchtr\u00e4nkt von der Liebe des Vaters, der seit der Sch\u00f6pfung dem Universum die Zeichen seiner Liebe eingepr\u00e4gt hat. Der Heilige Geist hat durch die Worte der Propheten und die Weisheitsb\u00fccher die Geschichte Israels in der Erkenntnis der Z\u00e4rtlichkeit und N\u00e4he Gottes geformt, trotz der Untreue des Volkes. Das Leben Jesu und seine Verk\u00fcndigung pr\u00e4gen die Geschichte der christlichen Gemeinde auf entscheidende Weise; sie hat auf der Grundlage des Auftrags Christi ihre Sendung, ein st\u00e4ndiges Werkzeug seiner Barmherzigkeit und seiner Vergebung zu sein (vgl. Joh 20,23) verstanden. Auf dem Weg \u00fcber die Heilige Schrift, die durch den Glauben der Kirche lebendig erhalten wird, spricht der Herr weiter zu seiner Braut und zeigt ihr die Wege, die sie gehen soll, damit das Evangelium des Heils zu allen gelangt. Es ist mein herzlicher Wunsch, dass das Wort Gottes immer mehr gefeiert, gekannt und verbreitet wird, damit dadurch das Geheimnis der Liebe, die aus jener Quelle des Erbarmens hervorstr\u00f6mt, besser verstanden werden kann. Daran erinnert uns der Apostel ganz deutlich: \u00bb\u00a0Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch n\u00fctzlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit\u00a0\u00ab (2\u00a0Tim 3,16).<\/p>\n<p>Es w\u00e4re gut, wenn jede Gemeinschaft an einem Sonntag des Kirchenjahres ihr Engagement f\u00fcr die Verbreitung, die Kenntnis und die Vertiefung der Heiligen Schrift erneuern k\u00f6nnte: an einem Sonntag, der ganz und gar dem Wort Gottes gewidmet ist, um den unersch\u00f6pflichen Reichtum zu verstehen, der aus diesem st\u00e4ndigen Dialog Gottes mit seinem Volk hervorgeht. Es soll nicht an Kreativit\u00e4t fehlen, um diesen Moment durch Initiativen zu bereichern, die die Gl\u00e4ubigen anregen, lebendige Werkzeuge f\u00fcr die Vermittlung des Wortes Gottes zu sein. Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt zu diesen Initiativen die weitere Verbreitung der Lectio divina, damit das geistliche Leben durch das betende Lesen der Heiligen Schrift Unterst\u00fctzung und Wachstum erf\u00e4hrt. Die Lectio divina \u00fcber die Themen der Barmherzigkeit wird erm\u00f6glichen, gleichsam mit H\u00e4nden zu greifen, wie viel Fruchtbarkeit aus der Heiligen Schrift entspringt, wenn sie im Licht der gesamten geistlichen \u00dcberlieferung der Kirche gelesen wird, was unweigerlich in Gesten und konkrete Werke der Liebe m\u00fcndet.[13]<\/p>\n<p>8. Die Feier der Barmherzigkeit geschieht in ganz besonderer Weise mit dem Sakrament der Vers\u00f6hnung. Das ist der Moment, in dem wir die Umarmung des Vaters sp\u00fcren, der uns entgegenkommt, um uns die Gnade zur\u00fcckzugeben, wieder seine Kinder zu sein. Wir sind S\u00fcnder und tragen in uns die Last des Widerspruchs zwischen dem, was wir tun m\u00f6chten, und dem, was wir konkret tun (vgl. R\u00f6m 7,14-21). Doch die Gnade kommt uns immer zuvor und nimmt das Gesicht der Barmherzigkeit an, die in der Vers\u00f6hnung und in der Vergebung wirksam wird. Gott macht seine unermessliche Liebe gerade angesichts unserer Verfasstheit als S\u00fcnder verst\u00e4ndlich. Die Gnade ist st\u00e4rker und \u00fcbertrifft jeden m\u00f6glichen Widerstand, denn die Liebe \u00fcberwindet alles (vgl. 1\u00a0Kor 13,7).<\/p>\n<p>Im Sakrament der Vergebung zeigt Gott den Weg der Umkehr zu ihm und l\u00e4dt dazu ein, wieder seine N\u00e4he zu erfahren. Es ist eine Vergebung, die dadurch empfangen werden kann, dass man vor allem die Liebe lebt. Daran erinnert auch der Apostel Petrus, wenn er schreibt: \u00bb\u00a0die Liebe deckt viele S\u00fcnden zu\u00a0\u00ab (1\u00a0Petr 4,8). Allein Gott vergibt die S\u00fcnden, aber er verlangt auch von uns die Bereitschaft, den anderen zu verzeihen so, wie er uns vergibt: \u00bb\u00a0Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben\u00a0\u00ab (Mt 6,12). Wie viel Traurigkeit, wenn wir in uns selbst verschlossen bleiben und unf\u00e4hig sind, zu verzeihen! Dann gewinnen Groll, Wut und Rache die Oberhand; sie machen das Leben ungl\u00fccklich und vereiteln den frohen Einsatz f\u00fcr die Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>9. Eine Erfahrung der Gnade, die die Kirche im Jubil\u00e4umsjahr mit gro\u00dfer Wirksamkeit gemacht hat, ist sicherlich der Dienst der Missionare der Barmherzigkeit. Ihre pastorale T\u00e4tigkeit hat deutlich machen wollen, dass Gott keinerlei Grenze setzt f\u00fcr diejenigen, die ihn mit reuevollem Herzen suchen, denn allen kommt er entgegen wie ein Vater. Ich habe viele Zeugnisse der Freude \u00fcber die erneuerte Begegnung mit dem Herrn im Sakrament der Beichte erhalten. Verpassen wir nicht die Gelegenheit, den Glauben auch als eine Erfahrung von Vers\u00f6hnung zu erleben. \u00bb\u00a0Lasst euch mit Gott vers\u00f6hnen!\u00a0\u00ab (2\u00a0Kor 5,20) ist die Einladung, die der Apostel noch in unseren Tagen macht, um jeden Gl\u00e4ubigen die Macht der Liebe entdecken zu lassen, die ihn eine \u00bb\u00a0neue Sch\u00f6pfung\u00a0\u00ab (2\u00a0Kor 5,17) werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich spreche jedem Missionar der Barmherzigkeit meinen Dank aus f\u00fcr diesen wertvollen Dienst, den er geleistet hat, um die Gnade der Vergebung wirksam werden zu lassen. Dieses au\u00dferordentliche Amt endet jedoch nicht mit der Schlie\u00dfung der Heiligen Pforte. Ich m\u00f6chte n\u00e4mlich, dass es bis auf weiteres noch fortdauert als konkretes Zeichen daf\u00fcr, dass die Gnade des Jubil\u00e4ums in den verschiedenen Teilen der Erde weiter lebendig und wirksam ist. Es wird Aufgabe des P\u00e4pstlichen Rates zur F\u00f6rderung der Neuevangelisierung sein, die Missionare der Barmherzigkeit als einen unmittelbaren Ausdruck meiner F\u00fcrsorge und N\u00e4he zu betreuen und die schl\u00fcssigsten Formen f\u00fcr die Aus\u00fcbung dieses wertvollen Amtes zu finden.<\/p>\n<p>10. Die Priester fordere ich erneut auf, sich mit gro\u00dfer Sorgfalt auf den Dienst der Beichte vorzubereiten, der eine wirklich priesterliche Aufgabe ist. Ich danke euch herzlich f\u00fcr euren Einsatz und bitte euch, f\u00fcr alle offen und aufnahmebereit zu sein; Zeugen der v\u00e4terlichen Z\u00e4rtlichkeit zu sein trotz der Schwere der S\u00fcnde; f\u00fcrsorglich zu helfen, \u00fcber das getane B\u00f6se nachzudenken; unmissverst\u00e4ndlich die moralischen Prinzipien darzulegen; verf\u00fcgbar zu sein, um die Gl\u00e4ubigen auf ihrem Weg der Bu\u00dfe zu begleiten und dabei geduldig ihr Tempo zu ber\u00fccksichtigen; weitsichtig zu sein in der Unterscheidung jedes einzelnen Falles und gro\u00dfherzig in der Gew\u00e4hrung der Vergebung Gottes. Wie Jesus vor der Ehebrecherin die Wahl traf, im Schweigen zu verharren, um sie vor dem Todesurteil zu bewahren, so m\u00f6ge auch der Priester im Beichtstuhl weitherzig sein, in dem Bewusstsein, dass jeder Beichtende ihn an seine eigene pers\u00f6nliche Lage erinnert: S\u00fcnder, aber Diener der Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>11. Ich m\u00f6chte, dass wir alle die Worte des Apostels meditieren, die er am Ende seines Lebens geschrieben hat, als er dem Timotheus gesteht, dass er der Erste der S\u00fcnder war, und hinzuf\u00fcgt: \u00bb\u00a0Aber ich habe Erbarmen gefunden\u00a0\u00ab (1\u00a0Tim 1,16). Seine Worte haben eine durchschlagende Kraft, um auch uns herauszufordern, \u00fcber unser Leben nachzudenken und zu sehen, wie das Erbarmen Gottes am Werk ist, um unser Herz zu ver\u00e4ndern, zu bekehren und zu verwandeln: \u00bb\u00a0Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich f\u00fcr treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn fr\u00fcher l\u00e4sterte, verfolgte und verh\u00f6hnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden\u00a0\u00ab (1\u00a0Tim 1,12-13).<\/p>\n<p>Erinnern wir uns daher mit immer neuer pastoraler Leidenschaft an die Worte des Apostels: \u00bb\u00a0Gott [hat] uns durch Christus mit sich vers\u00f6hnt und uns den Dienst der Vers\u00f6hnung aufgetragen\u00a0\u00ab (2\u00a0Kor 5,18). Wir haben als Erste Vergebung empfangen, im Hinblick auf diesen Dienst, und sind zu pers\u00f6nlichen Zeugen der Universalit\u00e4t der Vergebung gemacht worden. Es gibt weder ein Gesetz, noch eine Vorschrift, die Gott verbieten k\u00f6nnte, den Sohn wieder in die Arme zu schlie\u00dfen, der zu ihm zur\u00fcckkehrt und gesteht, einen Fehler begangen zu haben, aber entschlossen ist, wieder von vorne anzufangen. Nur bei dem Gesetz stehen zu bleiben bedeutet, den Glauben und das g\u00f6ttliche Erbarmen zu vereiteln. Es gibt einen prop\u00e4deutischen Wert im Gesetz (vgl. Gal 3,24), dessen Ziel die Liebe ist (vgl. 1\u00a0Tim 1,5). Der Christ ist jedoch berufen, die Neuheit des Evangeliums zu leben, \u00bb\u00a0das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus\u00a0\u00ab (R\u00f6m 8,2). Selbst in den kompliziertesten F\u00e4llen, in denen man versucht ist, einer Gerechtigkeit den Vorrang zu geben, die allein aus den Normen hervorgeht, muss man an die Kraft glauben, die aus der g\u00f6ttlichen Gnade entspringt.<\/p>\n<p>Wir Beichtv\u00e4ter besitzen die Erfahrung vieler Bekehrungen, die sich vor unseren Augen abspielen. Sp\u00fcren wir also die Verantwortung von Gesten und Worten, die tief ins Herz des B\u00fc\u00dfers eindringen sollen, damit er die N\u00e4he und die Z\u00e4rtlichkeit des verzeihenden Vaters entdeckt. Vereiteln wir diese Momente nicht mit Verhaltensweisen, die im Widerspruch stehen k\u00f6nnen zu der Erfahrung der Barmherzigkeit, nach der gesucht wird. Helfen wir vielmehr, den Raum des pers\u00f6nlichen Gewissens mit der unendlichen Liebe Gottes zu erleuchten (vgl. 1\u00a0Joh 3,20).<\/p>\n<p>Das Sakrament der Vers\u00f6hnung muss seinen zentralen Platz im christlichen Leben wiederfinden; darum verlangt es Priester, die ihr Leben in den \u00bb\u00a0Dienst der Vers\u00f6hnung\u00a0\u00ab (2\u00a0Kor 5,18) stellen. Auf diese Weise soll niemandem, der ernsthaft bereut, der Zugang zur Liebe des Vaters, der auf seine R\u00fcckkehr wartet, verwehrt werden und allen die M\u00f6glichkeit offen stehen, die befreiende Kraft der Vergebung zu erfahren.<\/p>\n<p>Eine g\u00fcnstige Gelegenheit kann die Feier der Initiative \u201e24 Stunden f\u00fcr den Herrn\u201c unmittelbar vor dem 4. Fastensonntag sein. Sie findet bereits eine breite Zustimmung in den Di\u00f6zesen und bleibt ein starker pastoraler Aufruf, um das Sakrament der Beichte intensiv zu erleben.<\/p>\n<p>12. Aufgrund dieser Notwendigkeit und damit dem Wunsch nach Vers\u00f6hnung und der Vergebung Gottes nichts im Wege stehe, gew\u00e4hre ich von nun an allen Priestern die Vollmacht, kraft ihres Amtes jene loszusprechen, welche die S\u00fcnde der Abtreibung begangen haben. Was ich auf den Zeitraum des Jubeljahres begrenzt gew\u00e4hrt habe[14], wird nun zeitlich ausgedehnt, unbeachtet gegenteiliger Bestimmungen. Ich m\u00f6chte nochmals mit all meiner Kraft betonen, dass Abtreibung eine schwere S\u00fcnde ist, da sie einem unschuldigen Leben ein Ende setzt. Mit gleicher Kraft kann und muss ich jedoch sagen, dass es keine S\u00fcnde gibt, die durch die Barmherzigkeit Gottes nicht erreicht und vernichtet werden kann, wenn diese ein reuevolles Herz findet, das um Vers\u00f6hnung mit dem Vater bittet. Jeder Priester m\u00f6ge daher den P\u00f6nitenten bei der Begleitung auf diesem Weg der besonderen Vers\u00f6hnung F\u00fchrer, Halt und Trost sein.<\/p>\n<p>Im Jubil\u00e4umsjahr hatte ich den Gl\u00e4ubigen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden die von den Priestern der Bruderschaft St. Pius X. betreuten Kirchen besuchen, gew\u00e4hrt, g\u00fcltig und erlaubt die sakramentale Lossprechung ihrer S\u00fcnden zu empfangen.[15] F\u00fcr das pastorale Wohl dieser Gl\u00e4ubigen und im Vertrauen auf den guten Willen ihrer Priester, dass mit der Hilfe Gottes die volle Gemeinschaft in der Katholischen Kirche wiedererlangt werden kann, setze ich aus eigenem Entschluss fest, diese Vollmacht \u00fcber den Zeitraum des Jubeljahres hinaus auszudehnen, bis diesbez\u00fcglich neue Verf\u00fcgungen ergehen. So m\u00f6ge keinem das sakramentale Zeichen der Vers\u00f6hnung durch die Vergebung der Kirche je fehlen.<\/p>\n<p>13. Die Barmherzigkeit hat auch das Gesicht des Trostes. \u00bb\u00a0Tr\u00f6stet, Tr\u00f6stet mein Volk\u00a0\u00ab (Jes 40,1), sind die eindringlichen Worte, die der Prophet auch heute h\u00f6ren l\u00e4sst, damit zu allen, die Leid und Schmerz tragen, ein Wort der Hoffnung gelange. Lassen wir uns nie die Hoffnung nehmen, die aus dem Glauben an den auferstandenen Herrn kommt. Es stimmt, oft werden wir auf eine harte Probe gestellt, doch nie d\u00fcrfen wir die Gewissheit verlieren, dass der Herr uns liebt. Sein Erbarmen zeigt sich auch in der N\u00e4he, Zuneigung und Hilfe vieler Br\u00fcder und Schwestern, wenn Tage der Traurigkeit und des Leids hereinbrechen. Tr\u00e4nen zu trocknen ist eine konkrete Handlung, die den Kreis der Einsamkeit, in dem wir oft eingeschlossen sind, durchbricht.<\/p>\n<p>Wir alle brauchen Trost, denn niemand ist frei von Leid, Schmerz und Unverst\u00e4ndnis. Wie viel Schmerz kann ein grollendes Wort, das eine Frucht von Neid, Eifersucht und Wut ist, hervorrufen! Wie viel Leid verursacht die Erfahrung der Untreue, der Gewalt und des Verlassenwerdens! Wie viel Bitterkeit entsteht angesichts des Todes geliebter Menschen! Und doch ist Gott nie fern, wenn man diese Dramen durchlebt. Ein aufmunterndes Wort, eine Umarmung, durch die du dich verstanden f\u00fchlst, eine Liebkosung, welche die Liebe sp\u00fcren l\u00e4sst, ein Gebet, das es m\u00f6glich macht, st\u00e4rker zu sein \u2026 dies alles sind Zeichen der N\u00e4he Gottes durch den Trost seitens der Br\u00fcder und Schwestern.<\/p>\n<p>Mitunter kann auch das Schweigen von gro\u00dfer Hilfe sein, denn manchmal gibt es keine Worte, um auf die Fragen eines leidenden Menschen Antwort zu geben. Das Fehlen von Worten kann jedoch durch das Mitleid dessen, der da und nahe ist, der liebt und die Hand h\u00e4lt, ausgeglichen werden. Es stimmt nicht, dass das Schweigen ein Akt der Kapitulation ist, vielmehr ist es ein Moment der Kraft und der Liebe. Auch das Schweigen geh\u00f6rt zu unserer Sprache des Trostes, da es zu einem konkreten Werk wird, das Leid des Mitmenschen zu teilen und daran Anteil zu nehmen.<\/p>\n<p>14. In einer besonderen Zeit wie der unseren, die unter vielen Krisen auch die der Familie kennt, ist es wichtig, dass ein Wort tr\u00f6stlicher Kraft an unsere Familien ergeht. Das Geschenk der Ehe ist eine gro\u00dfe Berufung, auf die mit der Gnade Christi in gro\u00dfherziger, treuer und geduldiger Liebe zu antworten ist. Die Sch\u00f6nheit der Familie bleibt unver\u00e4ndert, trotz vieler Dunkelheit und alternativer Vorschl\u00e4ge: \u00bb\u00a0Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche.\u00a0\u00ab[16] Der Weg des Lebens, der einen Mann und eine Frau sich begegnen, sich lieben und sich f\u00fcr immer die Treue vor Gott versprechen l\u00e4sst, ist oft von Leid, Untreue und Einsamkeit unterbrochen. Die Freude \u00fcber das Geschenk von Kindern ist nicht frei von den Sorgen der Eltern hinsichtlich ihres Heranwachsens und ihrer Bildung, hinsichtlich einer wirklich lebenswerten Zukunft.<\/p>\n<p>Die Gnade des Ehesakraments st\u00e4rkt nicht nur die Familie, damit sie ein bevorzugter Ort sei, wo Barmherzigkeit gelebt wird, sondern sie verpflichtet auch die christliche Gemeinde und die ganze Pastoral, den gro\u00dfen Wert der Familie als Lebensmodell hervortreten zu lassen. Dieses Jubil\u00e4umsjahr darf jedoch nicht dazu f\u00fchren, dass man die Vielschichtigkeit der aktuellen famili\u00e4ren Realit\u00e4t aus den Augen verliert. Die Erfahrung der Barmherzigkeit macht uns f\u00e4hig, auf alle menschlichen Schwierigkeiten mit der Haltung der Liebe Gottes zu schauen, der nicht m\u00fcde wird, sie aufzunehmen und zu begleiten.[17]<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass jeder den Reichtum und die B\u00fcrde der eigenen Geschichte mit sich tr\u00e4gt, die ihn von jeder anderen Person unterscheidet. Unser Leben mit seinen Freuden und Leiden ist etwas Einmaliges und Unwiederholbares, das unter dem barmherzigen Blick Gottes verl\u00e4uft. Dies erfordert, vor allem seitens des Priesters, eine aufmerksame, tiefe und weitsichtige geistliche Unterscheidung, damit niemand ausgeschlossen wird, in welcher Situation er auch lebt, und jeder sich von Gott konkret angenommen f\u00fchlen, aktiv am Leben der Gemeinde teilhaben und in jenes Volk Gottes eingegliedert werden kann, das unerm\u00fcdlich auf die F\u00fclle des Reiches Gottes, des Reichs der Gerechtigkeit und Liebe, der Vergebung und Barmherzigkeit, hin unterwegs ist.<\/p>\n<p>15. Von besonderer Bedeutung ist der Moment des Todes. Die Kirche hat diesen dramatischen \u00dcbergang stets im Licht der Auferstehung Jesu Christi gelebt, der den Weg f\u00fcr die Gewissheit des k\u00fcnftigen Lebens aufgetan hat. Wir haben hier eine gro\u00dfe Herausforderung anzunehmen, vor allem in der zeitgen\u00f6ssischen Kultur, die h\u00e4ufig zu einer Banalisierung des Todes neigt und zwar so weit, dass sie ihn eine reine Fiktion werden l\u00e4sst oder ihn verdr\u00e4ngt. Der Tod muss hingegen als schmerzlicher und unausweichlicher \u00dcbergang angegangen und vorbereitet werden, der dennoch voll Sinn ist: es ist der Sinn des \u00e4u\u00dfersten Aktes der Liebe gegen\u00fcber den Menschen, die man zur\u00fcckl\u00e4sst, und gegen\u00fcber Gott, dem man entgegengeht. In allen Religionen wird der Moment des Todes wie jener der Geburt religi\u00f6s begleitet. Wir erfahren die Exequien als hoffnungsvolles Gebet f\u00fcr die Seele des Verstorben und als Spendung von Trost f\u00fcr jene, die unter dem Abschied eines geliebten Menschen leiden.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass wir in der von lebendigem Glauben beseelten Pastoral mit H\u00e4nden greifbar machen m\u00fcssen, wie sehr die liturgischen Zeichen und unsere Gebete Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes sind. Er selbst bietet uns Worte der Hoffnung, denn nichts und niemand kann uns je von seiner Liebe scheiden (vgl. R\u00f6m 8,35). Die Anteilnahme eines Priesters an diesem Moment ist eine wichtige Form der Begleitung, denn sie l\u00e4sst im Augenblick der Schw\u00e4che, der Einsamkeit, der Unsicherheit und der Trauer die N\u00e4he der christlichen Gemeinde erfahren.<\/p>\n<p>16. Das Jubil\u00e4umsjahr endet und die Heilige Pforte wird geschlossen. Aber die Pforte der Barmherzigkeit unseres Herzens bleibt immer weit ge\u00f6ffnet. Wir haben gelernt, dass Gott sich uns zuneigt (vgl. Hos 11,4), damit auch wir ihn nachahmen k\u00f6nnen, wenn wir uns unseren Br\u00fcdern und Schwestern zuneigen. Die Sehnsucht vieler, zum Haus des Vaters zur\u00fcckzukehren, der schon auf ihr Kommen wartet, wird auch durch aufrichtige und gro\u00dfherzige Zeugen der g\u00f6ttlichen Z\u00e4rtlichkeit erweckt. Die Heilige Pforte, die wir in diesem Jubil\u00e4umsjahr durchschritten haben, hat uns auf den Weg der N\u00e4chstenliebe gef\u00fchrt, den wir jeden Tag in Treue und Freude beschreiten sollen. Die Stra\u00dfe der Barmherzigkeit n\u00e4mlich macht es m\u00f6glich, vielen Br\u00fcdern und Schwestern zu begegnen, die die Hand ausstrecken, damit sie jemand ergreifen kann, um miteinander zu gehen.<\/p>\n<p>Wenn man Christus nahe sein m\u00f6chte, muss man den Mitmenschen ein N\u00e4chster sein, denn nichts ist dem Vater wohlgef\u00e4lliger, als ein konkretes Zeichen der Barmherzigkeit. Von ihrer Natur her macht sich die Barmherzigkeit in einer konkreten dynamischen Handlung sichtbar und greifbar. Wenn man sie einmal in ihrer Wahrheit erfahren hat, kehrt man nicht mehr hinter sie zur\u00fcck: Sie w\u00e4chst st\u00e4ndig und ver\u00e4ndert das Leben. Sie ist eine echte neue Sch\u00f6pfung, die ein neues Herz schafft, das f\u00e4hig ist, vollkommen zu lieben, und die Augen reinigt, so dass sie die ganz verborgenen N\u00f6te erkennen. Wie wahr sind die Worte, mit denen die Kirche in der Osternacht nach der Lesung des Sch\u00f6pfungsberichts betet: Gott, du hast den Menschen nach deinem Bild wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert und erl\u00f6st. [18]<\/p>\n<p>Die Barmherzigkeit erneuert und erl\u00f6st, da sie die Begegnung zweier Herzen ist: des Herzens Gottes, das dem Herzen des Menschen entgegenkommt. Dieses erw\u00e4rmt sich und ersteres heilt es: Das Herz von Stein wird in ein Herz von Fleisch verwandelt (vgl. Ez 36,26), das trotz seiner S\u00fcnde f\u00e4hig ist zu lieben. Hier nimmt man wahr, wirklich \u201eneue Sch\u00f6pfung\u201c (vgl. Gal 6,15) zu sein: Ich bin geliebt, daher lebe ich; mir wird vergeben, daher werde ich zu neuem Leben geboren; mir wurde Barmherzigkeit zuteil, daher werde ich zum Werkzeug der Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>17. W\u00e4hrend des Heiligen Jahres, besonders jeweils am \u201eFreitag der Barmherzigkeit\u201c, konnte ich mit H\u00e4nden greifen, wie viel Gutes es in der Welt gibt. Oft wird es nicht erkannt, weil es sich t\u00e4glich auf diskrete und stille Weise verwirklicht. Auch wenn sie kein Aufsehen erregen, gibt es doch viele konkrete Zeichen der G\u00fcte und der Z\u00e4rtlichkeit gegen\u00fcber den Geringsten und Wehrlosesten, gegen\u00fcber den ganz Einsamen und Verlassenen. Es gibt wirklich Protagonisten der N\u00e4chstenliebe, die es den \u00c4rmsten und Ungl\u00fccklichsten nicht an Solidarit\u00e4t fehlen lassen. Danken wir dem Herrn f\u00fcr diese wertvollen Gaben, die dazu einladen, die Freude zu entdecken, angesichts der Schwachheit der verwundeten Menschheit ein N\u00e4chster zu werden. Dankbar denke ich an die vielen Freiwilligen, die jeden Tag ihre Zeit daf\u00fcr aufwenden, die Gegenwart und N\u00e4he Gottes mit ihrer Hingabe zu bezeugen. Ihr Dienst ist ein echtes Werk der Barmherzigkeit, das vielen Menschen hilft, sich der Kirche zu n\u00e4hern.<\/p>\n<p>18. Es ist die Zeit, dem Erfindungsreichtum der Barmherzigkeit Raum zu geben, um viele neue Werke, die Frucht der Gnade sind, ins Leben zu rufen. Die Kirche muss heute jene \u00bbviele[n] andere[n] Zeichen\u00ab, die Jesus getan hat und die \u00bbnicht aufgeschrieben sind\u00ab (Joh 20,30), erz\u00e4hlen, auf dass sie beredter Ausdruck der Fruchtbarkeit der Liebe Christi und der Gemeinschaft sind, die in ihm lebt. Mehr als zweitausend Jahre sind vergangen, und doch machen die Werke der Barmherzigkeit die G\u00fcte Gottes weiter sichtbar.<\/p>\n<p>Noch heute leiden ganze V\u00f6lker unter Hunger und Durst, und wieviel Sorge erregen die Bilder von Kindern, die nichts zu essen haben. Massen von Menschen wandern weiterhin von einem Land ins andere auf der Suche nach Nahrung, Arbeit, einem Zuhause und Frieden. Krankheiten in ihren verschiedenen Formen sind ein st\u00e4ndiger Grund f\u00fcr Leiden, die Hilfe, Trost und Unterst\u00fctzung erfordern. Die Gef\u00e4ngnisse sind Orte, in denen oft zur Freiheitsstrafe mitunter schwere Entbehrungen aufgrund unmenschlicher Lebensbedingungen hinzukommen. Der Analphabetismus ist immer noch sehr verbreitet; er hindert Kinder an ihrer Bildung und setzt sie neuen Formen von Sklaverei aus. Die Kultur des extremen Individualismus, vor allem im Westen, f\u00fchrt dazu, den Sinn f\u00fcr Solidarit\u00e4t und Verantwortung gegen\u00fcber den anderen zu verlieren. Gott selbst bleibt heute f\u00fcr viele ein Unbekannter; dies stellt die gr\u00f6\u00dfte Armut dar und das gr\u00f6\u00dfte Hindernis, um die unver\u00e4u\u00dferliche W\u00fcrde des menschlichen Lebens anzuerkennen.<\/p>\n<p>Somit l\u00e4sst sich bis heute an den Werken der leiblichen und der geistlichen Barmherzigkeit die gro\u00dfe positive Auswirkung der Barmherzigkeit als sozialer Wert feststellen. In der Tat f\u00fchrt sie dazu, die \u00c4rmel hochzukrempeln, um Millionen von Menschen, unseren Br\u00fcdern und Schwestern, die W\u00fcrde zur\u00fcckzugeben. Sie sind mit uns gerufen, eine \u00bb\u00a0verl\u00e4ssliche Stadt\u00a0\u00ab aufzubauen.[19]<\/p>\n<p>19. Im Laufe dieses Heiligen Jahres wurden viele konkrete Zeichen von Barmherzigkeit verwirklicht. Gemeinschaften, Familien und einzelne Gl\u00e4ubige haben die Freude am Teilen und die Sch\u00f6nheit der Solidarit\u00e4t wieder entdeckt. Und doch ist es nicht genug. Die Welt bringt weiter neue Formen geistlicher und materieller Armut hervor, die die W\u00fcrde der Menschen gef\u00e4hrden. Deswegen muss die Kirche immer wachsam und bereit sein, neue Werke der Barmherzigkeit auszumachen und sie gro\u00dfz\u00fcgig und begeistert in die Tat umsetzen.<\/p>\n<p>Unternehmen wir daher alle Anstrengungen, um der N\u00e4chstenliebe konkrete Gestalt zu verleihen und zugleich die Werke der Barmherzigkeit verst\u00e4ndig zu verwirklichen. Letztere besitzt eine einschlie\u00dfende Wirkung, und deshalb weitet sie sich zusehends aus und kennt keine Grenzen. Und in diesem Sinn sind wir gerufen, den Werken der Barmherzigkeit, die wir seit jeher kennen, ein neues Gesicht zu verleihen. Denn die Barmherzigkeit kennt kein Ma\u00df; immer \u00fcberbordet sie und ist fruchtbar. Sie ist wie der Sauerteig, der den Teig durchs\u00e4uert (vgl. Mt 13,33), und wie das Senfkorn, das zu einem Baum wird (vgl. Lk 13,19).<\/p>\n<p>Denken wir zum Beispiel nur an das Werk der leiblichen Barmherzigkeit, Nackte zu bekleiden (vgl. Mt 25,36.38.43.44). Es f\u00fchrt uns an die Anf\u00e4nge zur\u00fcck, an den Garten Eden: Adam und Eva entdeckten, dass sie nackt waren, und als sie den Herrn kommen h\u00f6rten, sch\u00e4mten und versteckten sie sich (vgl. Gen 3,7-8). Wir wissen, dass der Herr sie bestrafte; doch er \u00bbmachte Adam und seiner Frau R\u00f6cke aus Fellen und bekleidete sie damit\u00ab (Gen 3,21). Die Scham wird \u00fcberwunden und die W\u00fcrde wiederhergestellt.<\/p>\n<p>Richten wir unsern Blick auch auf Jesus auf Golgota. Der Sohn Gottes am Kreuz ist nackt; die Soldaten hatten sein Untergewand genommen und darum gelost (vgl. Joh 19,23-24); er hat nichts mehr. Am Kreuz offenbart sich bis zum \u00c4u\u00dfersten, dass Jesus das Los derer teilt, die ihre W\u00fcrde verloren haben, weil ihnen das N\u00f6tigste genommen wurde. Wie die Kirche berufen ist, das \u201eGewand Christi\u201c[20] zu sein, um ihren Herrn zu bekleiden, so ist sie zur Solidarit\u00e4t mit den Nackten der Erde verpflichtet, damit sie die W\u00fcrde, der sie beraubt wurden, wiedererlangen. Sein Wort \u00bb\u00a0Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben\u00a0\u00ab (Mt 25,36) verpflichtet uns daher, nicht den Blick von den neuen Formen von Armut und Ausgrenzung abzuwenden, die den Menschen ein Leben in W\u00fcrde verwehren.<\/p>\n<p>Keine Arbeit zu haben und nicht den gerechten Lohn zu erhalten; kein Zuhause zu haben oder kein Land zum Wohnen; wegen des Glaubens, der ethnischen Herkunft, des sozialen Status diskriminiert zu werden\u2026 dies und vieles andere sind Umst\u00e4nde, welche die W\u00fcrde des Menschen gef\u00e4hrden und auf die das barmherzige Handeln der Christen vor allem mit Aufmerksamkeit und Solidarit\u00e4t antwortet. In wie vielen Situationen k\u00f6nnen wir heute den Menschen W\u00fcrde zur\u00fcckgeben und ihnen ein menschliches Leben erm\u00f6glichen! Denken wir nur an die vielen Kinder, die Gewalt verschiedener Art erleiden, durch die ihnen die Lebensfreude genommen wird. Ihre traurigen und orientierungslosen Gesichter haben sich in mein Ged\u00e4chtnis eingepr\u00e4gt; sie bitten um unsere Hilfe, um von den Formen der Sklaverei in der heutigen Welt befreit zu werden. Diese Kinder sind die Jugendlichen von morgen; wie bereiten wir sie darauf vor, in W\u00fcrde und Verantwortung zu leben? Mit welcher Hoffnung k\u00f6nnen sie sich der Gegenwart und der Zukunft stellen?<\/p>\n<p>Der soziale Charakter der Barmherzigkeit verlangt, nicht unt\u00e4tig zu bleiben und die Gleichg\u00fcltigkeit und Heuchelei zu vertreiben, damit die Pl\u00e4ne und Projekte nicht toter Buchstabe bleiben. Der Heilige Geist helfe uns, stets bereit zu sein, tatkr\u00e4ftig und selbstlos unseren Beitrag zu leisten, damit Gerechtigkeit und ein menschenw\u00fcrdiges Leben nicht H\u00f6flichkeitsfloskeln bleiben, sondern konkretes Engagement dessen sind, der die Gegenwart des Reiches Gottes bezeugen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>20. Wir sind aufgerufen, eine Kultur der Barmherzigkeit wachsen zu lassen, die darauf gr\u00fcndet, die Begegnung mit den anderen wiederzuentdecken: eine Kultur, in der niemand mit Gleichg\u00fcltigkeit auf den anderen schaut, noch den Blick abwendet, wenn er das Leid der Mitmenschen sieht. Die Werke der Barmherzigkeit sind \u201eHandwerk\u201c: Keines von ihnen gleicht dem anderen. Unsere H\u00e4nde k\u00f6nnen sie auf tausenderlei Weise formen. Und auch wenn Gott, der sie anregt, einer ist und ebenso die \u201eMaterie\u201c, aus der sie bestehen \u2013 n\u00e4mlich die Barmherzigkeit \u2013, eine ist, so nimmt doch jedes einzelne eine andere Form an.<\/p>\n<p>Die Werke der Barmherzigkeit gehen tats\u00e4chlich das ganze Leben eines Menschen an. Deswegen k\u00f6nnen wir gerade von der Einfachheit der Gesten her, die K\u00f6rper und Geist, das hei\u00dft das Leben der Menschen zu erreichen verm\u00f6gen, eine wahre kulturelle Revolution ins Leben rufen. Dies ist eine Aufgabe, die sich die christliche Gemeinde zu Eigen machen kann in dem Bewusstsein, dass das Wort des Herrn sie stets ruft, aus der Gleichg\u00fcltigkeit und dem Individualismus hinauszugehen. Man ist ja versucht, sich darin einzuschlie\u00dfen, um ein bequemes und problemloses Leben zu f\u00fchren. \u00bb\u00a0Die Armen habt ihr immer bei euch\u00a0\u00ab (Joh 12,8), sagt Jesus zu seinen J\u00fcngern. Es gibt keine Alibis, die mangelndes Engagement rechtfertigen k\u00f6nnen, wenn wir wissen, dass der Herr sich mit jedem von ihnen identifiziert hat.<\/p>\n<p>Die Kultur der Barmherzigkeit bildet sich im beharrlichen Gebet, in der bereitwilligen Offenheit f\u00fcr das Wirken des Heiligen Geistes, in der Vertrautheit mit dem Leben der Heiligen und in der konkreten N\u00e4he zu den Armen. Es ist eine eindringliche Aufforderung, recht zu verstehen, wo ein Einsatz von entscheidender Bedeutung ist. Die Versuchung, eine \u201eTheorie der Barmherzigkeit\u201c zu betreiben, wird in dem Ma\u00df \u00fcberwunden, wie man Barmherzigkeit im Alltag lebt und teilt. Im \u00dcbrigen d\u00fcrfen wir nie die Worte vergessen, mit denen der Apostel Paulus im Bericht \u00fcber sein Treffen mit Petrus, Johannes und Jakobus nach seiner Bekehrung einen wesentlichen Aspekt seiner Sendung und seines ganzen christlichen Lebens hervorhebt: \u00bb\u00a0Nur sollten wir an ihre Armen denken; und das zu tun, habe ich mich eifrig bem\u00fcht\u00a0\u00ab (Gal 2,10). Wir d\u00fcrfen die Armen nicht vergessen: Es ist eine Aufforderung, die mehr denn je aktuell ist und sich ganz offenkundig aus dem Evangelium ergibt.<\/p>\n<p>21. Die Erfahrung des Jubil\u00e4umsjahres m\u00f6ge uns die Worte des Apostels Petrus einpr\u00e4gen: \u00bb\u00a0Einst gab es f\u00fcr euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden\u00a0\u00ab (1\u00a0Petr 2,10). Behalten wir nicht eifers\u00fcchtig nur f\u00fcr uns, was wir empfangen haben; m\u00f6gen wir f\u00e4hig sein, es mit den leidenden Br\u00fcdern und Schwestern zu teilen, damit sie von der Kraft der Barmherzigkeit des Vaters unterst\u00fctzt werden. Unsere Gemeinden m\u00f6gen sich \u00f6ffnen, um die zu erreichen, die auf ihrem Gebiet wohnen, damit durch das Zeugnis der Gl\u00e4ubigen die Z\u00e4rtlichkeit Gottes zu allen gelange.<\/p>\n<p>Dies ist die Zeit der Barmherzigkeit. Jeder Tag unseres Weges ist von der Gegenwart Gottes gepr\u00e4gt, der unsere Schritte mit der Kraft der Gnade f\u00fchrt, die der Heilige Geist in unser Herz eingie\u00dft, um es zu bilden und f\u00e4hig zu machen zu lieben. Es ist die Zeit der Barmherzigkeit f\u00fcr alle und jeden, damit niemand denkt, der N\u00e4he Gottes und der Macht seiner Z\u00e4rtlichkeit fern zu sein. Es ist die Zeit der Barmherzigkeit, damit alle Schwachen und Wehrlosen, Fernen und Einsamen die Anwesenheit der Br\u00fcder und Schwestern wahrnehmen k\u00f6nnen, die sie in ihren N\u00f6ten unterst\u00fctzen. Es ist die Zeit der Barmherzigkeit, damit die Armen den respektvollen und doch aufmerksamen Blick jener auf sich sp\u00fcren, die nach \u00dcberwindung der Gleichg\u00fcltigkeit das Wesentliche des Lebens entdecken. Es ist die Zeit der Barmherzigkeit, damit jeder S\u00fcnder nicht m\u00fcde wird, um Vergebung zu bitten und die Hand des Vaters zu sp\u00fcren, der uns immer aufnimmt und an sich dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund des \u201eJubil\u00e4ums f\u00fcr die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen\u201c \u2013 w\u00e4hrend in allen Kathedralkirchen und Heiligt\u00fcmern der Welt die Pforten der Barmherzigkeit geschlossen wurden \u2013 kam mir der Gedanke, dass als weiteres konkretes Zeichen dieses Au\u00dferordentlichen Heiligen Jahres am 33. Sonntag im Jahreskreis in der ganzen Kirche der Welttag der Armen begangen werden soll. Das wird die w\u00fcrdigste Vorbereitung f\u00fcr die Feier des Christk\u00f6nigssonntags sein, denn Jesus Christus hat sich mit den Geringen und den Armen identifiziert und wird uns nach den Werken der Barmherzigkeit richten (vgl. Mt 25,31-46). Es wird ein Tag sein, der den Gemeinden und jedem Getauften hilft, dar\u00fcber nachzudenken, wie die Armut ein Herzensanliegen des Evangeliums ist und dass es keine Gerechtigkeit noch sozialen Frieden geben kann, solange Lazarus vor der T\u00fcr unseres Hauses liegt (vgl. Lk 16,19-21). Dieser Tag wird auch eine echte Form der Neuevangelisierung darstellen (vgl. Mt 11,5), durch die das Antlitz der Kirche in ihrer st\u00e4ndigen pastoralen Umkehr erneuert wird, um Zeugin der Barmherzigkeit zu sein.<\/p>\n<p>22. Stets bleiben die barmherzigen Augen der heiligen Mutter Gottes auf uns gerichtet. Sie ist die erste, die den Weg f\u00fcr das Zeugnis der Liebe er\u00f6ffnet und uns dabei begleitet. Die Mutter der Barmherzigkeit sammelt alle unter dem Schutz ihres Mantels, wie es in der Kunst oft dargestellt wurde. Vertrauen wir auf ihre m\u00fctterliche Hilfe und folgen wir ihrem st\u00e4ndigen Hinweis, auf Jesus zu schauen, das leuchtende Antlitz der Barmherzigkeit Gottes.<\/p>\n<p>Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 20. November, Christk\u00f6nigssonntag,<\/p>\n<p>im Jahr des Herrn 2016, dem vierten Jahr meines Pontifikats.<\/p>\n<p><strong>FRANZISKUS<\/strong><\/p>\n<p><em>[1] In Ioh 33,5.<\/em><\/p>\n<p><em>[2] Hirt des Hermas, Mand. X, 42, 1-4.<\/em><\/p>\n<p><em>[3] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 27.<\/em><\/p>\n<p><em>[4] R\u00f6misches Messbuch, 3. Fastensonntag.<\/em><\/p>\n<p><em>[5] Ebd., Pr\u00e4fation VII f\u00fcr die Sonntage im Jahreskreis.<\/em><\/p>\n<p><em>[6] Ebd., Zweites Hochgebet.<\/em><\/p>\n<p><em>[7] Ebd., Riten zur Kommunion.<\/em><\/p>\n<p><em>[8] Ritus der Beichte.<\/em><\/p>\n<p><em>[9] Ritus der Krankensalbung.<\/em><\/p>\n<p><em>[10] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Konst. Sacrosanctum Concilium, 106.<\/em><\/p>\n<p><em>[11] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum, 2.<\/em><\/p>\n<p><em>[12] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 142.<\/em><\/p>\n<p><em>[13] Vgl. Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, 86-87.<\/em><\/p>\n<p><em>[14] Vgl. Schreiben mit dem zum Au\u00dferordentlichen Jubil\u00e4um der Barmherzigkeit der Ablass gew\u00e4hrt wird, 1. September 2015.<\/em><\/p>\n<p><em>[15] Vgl. ebd.<\/em><\/p>\n<p><em>[16] Apostolisches Schreiben Amoris laetitia, 1.<\/em><\/p>\n<p><em>[17] Vgl. ebd., 291-300.<\/em><\/p>\n<p><em>[18] Vgl. R\u00f6misches Messbuch, Osternacht, Gebet nach der ersten Lesung.<\/em><\/p>\n<p><em>[19] Enzyklika Lumen fidei, 50.<\/em><\/p>\n<p><em>[20] Vgl. Cyprian, De catholicae ecclesiae unitate, 7.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Apostolisches Schreiben zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit Papst Franziskus erbittet allen Lesern des Apostolischen Schreibens &#171;Misericordia et misera&#187; zum Abschluss des Au\u00dferordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit &#171;Barmherzigkeit und Frieden&#171;. Der folgende Wortlaut in offizieller deutscher \u00dcbersetzung wurde von Radio Vatikan, Artikel 1273677, \u00fcbernommen: Misericordia et misera \u2013 die Barmherzigkeit und die Erb\u00e4rmliche, das &hellip; <a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/?p=7702\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Misericordia et misera \u2013 die Barmherzigkeit und die Erb\u00e4rmliche<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7720,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[129,127,191,31,269,554,58,167],"class_list":["post-7702","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirche","tag-barmherzigkeit","tag-ehesakrament","tag-jahr-der-barmherzigkeit","tag-liebe","tag-lohnmoral","tag-papst","tag-papst-franziskus","tag-suende"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7702"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7702\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38955,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7702\/revisions\/38955"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/website.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}