{"id":6684,"date":"2011-09-22T20:23:20","date_gmt":"2011-09-22T18:23:20","guid":{"rendered":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=6684"},"modified":"2021-06-18T16:41:23","modified_gmt":"2021-06-18T14:41:23","slug":"auch-der-mensch-hat-eine-natur-die-er-achten-muss-und-nicht-beliebig-manipulieren-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=6684","title":{"rendered":"Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und nicht beliebig manipulieren kann"},"content":{"rendered":"<h2>Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI. in Deutschland am 22. September 2011<\/h2>\n<figure id=\"attachment_6689\" aria-describedby=\"caption-attachment-6689\" style=\"width: 264px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/?attachment_id=6689\" rel=\"attachment wp-att-6689\"><img data-opt-id=602403509  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6689\" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1024\/h:651\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-2.png\" alt=\"Bild: Poenix vor Ort\" width=\"264\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1024\/h:651\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-2.png 1024w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:191\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-2.png 300w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:768\/h:488\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-2.png 768w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1203\/h:765\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-2.png 1203w\" sizes=\"(max-width: 264px) 100vw, 264px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6689\" class=\"wp-caption-text\">Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und nicht beliebig manipulieren kann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident! Herr Bundestagspr\u00e4sident! Frau Bundeskanzlerin! Frau Bundesratspr\u00e4sidentin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen \u2013 vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gew\u00e4hlte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspr\u00e4sidenten m\u00f6chte ich f\u00fcr seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie f\u00fcr die freundlichen Worte der Begr\u00fc\u00dfung und Wertsch\u00e4tzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren \u2013 gewi\u00df auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden wei\u00df und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt.<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-6684-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/2011-09-22-Papst-in-Deutschland-Bundestag-Papst-Benedikt-XVI..mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/2011-09-22-Papst-in-Deutschland-Bundestag-Papst-Benedikt-XVI..mp3\">https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/2011-09-22-Papst-in-Deutschland-Bundestag-Papst-Benedikt-XVI..mp3<\/a><\/audio>\n<p><!--more-->Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung f\u00fcr die katholische Christenheit tr\u00e4gt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der V\u00f6lker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her m\u00f6chte ich Ihnen einige Gedanken \u00fcber die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich meine \u00dcberlegungen \u00fcber die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der K\u00f6nige wird erz\u00e4hlt, da\u00df Gott dem jungen K\u00f6nig Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg \u2013 Reichtum \u2013 langes Leben \u2013 Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: \u201eVerleih deinem Knecht ein h\u00f6rendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom B\u00f6sen zu unterscheiden versteht\u201c (1 K\u00f6n 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erz\u00e4hlung sagen, worauf es f\u00fcr einen Politiker letztlich ankommen mu\u00df. Sein letzter Ma\u00dfstab und der Grund f\u00fcr seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik mu\u00df M\u00fchen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung f\u00fcr Friede schaffen. Nat\u00fcrlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit politischer Gestaltung er\u00f6ffnet. Aber der Erfolg ist dem Ma\u00dfstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen f\u00fcr das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verf\u00fchrung sein und kann so den Weg auftun f\u00fcr die Verf\u00e4lschung des Rechts, f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Gerechtigkeit. \u201eNimm das Recht weg \u2013 was ist dann ein Staat noch anderes als eine gro\u00dfe R\u00e4uberbande\u201c, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, da\u00df diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, da\u00df Macht von Recht getrennt wurde, da\u00df Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und da\u00df der Staat zum Instrument der Rechtszerst\u00f6rung wurde \u2013 zu einer sehr gut organisierten R\u00e4uberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerst\u00f6ren. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschlie\u00dfen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie k\u00f6nnen wir zwischen Gut und B\u00f6se, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6693\" aria-describedby=\"caption-attachment-6693\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/?attachment_id=6693\" rel=\"attachment wp-att-6693\"><img data-opt-id=784340342  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6693 size-full\" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-4.png\" alt=\"Bild: Phoenix vor Ort\" width=\"635\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:635\/h:320\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-4.png 635w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:151\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Papst-Benedikt-XVI.-im-Bundestag-4.png 300w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6693\" class=\"wp-caption-text\">Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag<\/figcaption><\/figure>\n<p>In einem Gro\u00dfteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein gen\u00fcgendes Kriterium sein. Aber da\u00df in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die W\u00fcrde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche mu\u00df sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der gro\u00dfe Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begr\u00fcndet: \u201eWenn jemand sich bei den Skythen bef\u00e4nde, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen w\u00e4re, bei ihnen zu leben \u2026, dann w\u00fcrde er wohl sehr vern\u00fcnftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden w\u00fcrde \u2026\u201c<\/p>\n<p>Von dieser \u00dcberzeugung her haben die Widerstandsk\u00e4mpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalit\u00e4re Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. F\u00fcr diese Menschen war es unbestreitbar evident, da\u00df geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden k\u00f6nne, nicht ebenso evident. Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der F\u00fclle unseres Wissens und unseres K\u00f6nnens noch sehr viel schwieriger geworden.<\/p>\n<p>Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religi\u00f6s begr\u00fcndet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen gro\u00dfen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen \u2013 auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegr\u00fcndetsein beider Sph\u00e4ren in der sch\u00f6pferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten H\u00e4lfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des r\u00f6mischen Rechts. In dieser Ber\u00fchrung ist die abendl\u00e4ndische Rechtskultur geboren worden, die f\u00fcr die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg \u00fcber das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufkl\u00e4rungszeit bis hin zur Erkl\u00e4rung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den \u201eunverletzlichen und unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt\u201c bekannt hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Entwicklung des Rechts und f\u00fcr die Entwicklung der Humanit\u00e4t war es entscheidend, da\u00df sich die christlichen Theologen gegen das vom G\u00f6tterglauben geforderte religi\u00f6se Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die f\u00fcr alle g\u00fcltige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die R\u00f6mer vollzogen, wenn er sagt: \u201eWenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie\u2026 sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, da\u00df ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab\u2026\u201c (R\u00f6m 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das h\u00f6rende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins ge\u00f6ffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufkl\u00e4rung, der Menschenrechtserkl\u00e4rung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung gekl\u00e4rt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Ver\u00e4nderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, \u00fcber die au\u00dferhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen w\u00fcrde, so da\u00df man sich schon beinahe sch\u00e4mt, das Wort \u00fcberhaupt zu erw\u00e4hnen. Ich m\u00f6chte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zun\u00e4chst die These, da\u00df zwischen Sein und Sollen ein un\u00fcberbr\u00fcckbarer Graben bestehe. Aus Sein k\u00f6nne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei v\u00f6llig verschiedene Bereiche handle. Der Grund daf\u00fcr ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verst\u00e4ndnis von Natur [und Vernunft]. Wenn man die Natur \u2013 mit den Worten von H. Kelsen \u2013 als \u201eein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen\u201c ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen. Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt [erkl\u00e4rt], kann keine Br\u00fccke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch f\u00fcr die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verst\u00e4ndnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, geh\u00f6rt danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb m\u00fcssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt \u2013 und das ist in unserem \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein weithin der Fall \u2013, da sind die klassischen Erkenntnisquellen f\u00fcr Ethos und Recht au\u00dfer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und \u00fcber die eine \u00f6ffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede bildet [ist].<\/p>\n<p>Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganze ist ein gro\u00dfartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen K\u00f6nnens, auf die wir keinesfalls verzichten d\u00fcrfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und gen\u00fcgende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die gen\u00fcgende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realit\u00e4ten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage f\u00fcr die Rechtsbildung anzuerkennen, alle \u00fcbrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verweisen und damit Europa gegen\u00fcber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit ger\u00fcckt und zugleich extremistische und radikale Str\u00f6mungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die \u00fcber das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei k\u00f6nnen wir uns doch nicht verbergen, da\u00df wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorr\u00e4ten Gottes sch\u00f6pfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster m\u00fcssen wieder aufgerissen werden, wir m\u00fcssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.<\/p>\n<p>Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Gr\u00f6\u00dfe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der j\u00fcngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mi\u00dfverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich w\u00fcrde sagen, da\u00df das Auftreten der \u00f6kologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht \u00fcberh\u00f6ren darf und nicht beiseiteschieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewu\u00dft geworden, da\u00df irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Da\u00df Materie nicht nur Material f\u00fcr unser Machen ist, sondern da\u00df die Erde selbst ihre W\u00fcrde in sich tr\u00e4gt und wir ihrer Weisung folgen m\u00fcssen. Es ist wohl klar, da\u00df ich hier nicht Propaganda f\u00fcr eine bestimmte politische Partei mache \u2013 nichts liegt mir ferner als dies. [Klatschen] Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann m\u00fcssen wir alle ernstlich \u00fcber das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur \u00fcberhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, da\u00df ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der \u00d6kologie ist inzwischen unbestritten. Wir m\u00fcssen auf die Sprache der Natur h\u00f6ren und entsprechend antworten. Ich m\u00f6chte aber nachdr\u00fccklich einen Punkt ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine \u00d6kologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten mu\u00df und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur h\u00f6rt, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.<\/p>\n<p>Kehren wir zur\u00fcck zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der gro\u00dfe Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren \u2013 1965 \u2013 den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. [Es tr\u00f6stet mich, dass man mit Alter von 84 Jahren doch noch etwas Vern\u00fcnftiges denken kann. Klatschen.] Er hatte gesagt, da\u00df Normen nur aus dem Willen kommen k\u00f6nnen. Die Natur k\u00f6nnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum w\u00fcrde einen Sch\u00f6pfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. \u201e\u00dcber die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist v\u00f6llig aussichtslos\u201c, bemerkt er dazu. Wirklich? \u2013 m\u00f6chte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine sch\u00f6pferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00fc\u00dfte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der \u00dcberzeugung eines Sch\u00f6pfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenw\u00fcrde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen f\u00fcr ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Ged\u00e4chtnis. Es zu ignorieren oder als blo\u00dfe Vergangenheit zu betrachten, w\u00e4re eine Amputation unserer Kultur insgesamt und w\u00fcrde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom \u2013 aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identit\u00e4t Europas. Sie hat im Bewu\u00dftsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren W\u00fcrde des Menschen, eines jeden Menschen Ma\u00dfst\u00e4be des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.<\/p>\n<p>Dem jungen K\u00f6nig Salomon ist in der Stunde seiner Amts\u00fcbernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie w\u00e4re es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt w\u00e4re? Was w\u00fcrden wir erbitten? Ich denke, auch heute k\u00f6nnten wir letztlich nichts anderes w\u00fcnschen als ein h\u00f6rendes Herz \u2013 die F\u00e4higkeit, Gut und B\u00f6se zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Vielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!<\/p>\n<h3>Weitere Hinweise und Quellen<\/h3>\n<ul>\n<li>Audio (MP3, Rede von Papst Benedikt XVI.): <a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/2011-09-22-Papst-in-Deutschland-Bundestag-Papst-Benedikt-XVI..mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Papst in Deutschland &#8211; Bundestag<\/a><\/li>\n<li>Apostolische Reise von Papst Benedikt XVI. nach Deutschland vom 22. bis 25. September 2011: <a href=\"http:\/\/w2.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/de\/speeches\/2011\/september\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20110922_reichstag-berlin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ansprache von Papst Benedikt XVI. im Bundestag <\/a>(Originaltext des Vatikans)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI. in Deutschland am 22. September 2011 Sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident! Herr Bundestagspr\u00e4sident! Frau Bundeskanzlerin! 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