{"id":5253,"date":"2012-12-13T16:34:17","date_gmt":"2012-12-13T15:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=5253"},"modified":"2021-10-21T13:05:42","modified_gmt":"2021-10-21T11:05:42","slug":"warum-ich-christ-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=5253","title":{"rendered":"Warum ich Christ bin"},"content":{"rendered":"<h2>Vortrag von Karl Rahner zur Frage &#171;Warum bin ich ein Christ?&#187;<\/h2>\n<p>(Audio\u00a0 ganzer Vortrag h\u00f6ren? <a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Karl-Rahner-Warum-ich-ein-Christ-bin.wma\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karl Rahner &#8211; Warum ich ein Christ bin<\/a>\u00a0Format WMA, neuer Tab oder neues Fenster \u00f6ffnen)<\/p>\n<p><img data-opt-id=1590556880  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5032 \" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Karl-Rahner-SJ.jpg\" alt=\"Karl Rahner SJ\" width=\"194\" height=\"280\" \/>Sehr verehrte Damen und Herrn, liebe Br\u00fcder und Schwestern in Jesus Christus! Ich danke zun\u00e4chst P. Georg Sporschill und auch dem Wolfgang f\u00fcr seine freundlichen Begr\u00fcssungsworte. Insofern ich die Frage \u201eWarum bin ich ein Christ?\u201c unvermeindlicherweise etwas abstrakt und allgemein beantworten muss, weil es technisch und praktisch gar nicht anders geht, ist vielleicht das, was ich zu sagen habe, ein klein wenig in einem Kontrast mit diesem freundlichen br\u00fcderlichen Empfang, den ich hier in dieser <a title=\"Der historische Ort Lainz\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lainz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #0066cc;\">Lainzer Gemeinde<\/span><\/span><\/a> gefunden habe. Wolfgang hat schon drauf hingewiesen, dass Jugendliche von hier \u2013 das darf man nat\u00fcrlich nicht ganz laut sagen \u2013 und ich so ein kleines Buch zusammen verfasst haben. Und das ist also objektiv ein kleines Dokument der herzlichen Beziehungen, die ich unvermuteterweise in meinen alten Tagen noch mit dieser Gemeinde gefunden habe. Ich danke also allen f\u00fcr die Einladung, f\u00fcr die herzliche Aufnahme und bitte sie nun ein Referat eines alten Theologieschulmeisters in Geduld anzuh\u00f6ren. Es hat auch einen gewissen Sinn, sich einmal ein bisschen mit seinen Gef\u00fchlen, Erwartungen, Emotionen, Stimmungen zur\u00fcckzunehmen und n\u00fcchtern und sachlich zu fragen: \u201eWarum bin ich ein Christ?\u201c<!--more--><\/p>\n<p>Die Frage: \u201eWarum bin ich ein Christ?\u201c ist eine radikal andere Frage als die Frage z.B. Warum lebe ich lieber in Wien als in Berlin? In einer solchen zweiten Frage wird ja nach einer Einzelheit des Lebens gefragt, die mit andern von ihr verschiedenen Wirklichkeiten in Beziehung gebracht wird, also deswegen, weil es sich von vornherein um zwei verschiedene Wirklichkeiten handelt, die miteinander in eine Beziehung gesetzt werden sollen, eine solche Frage ein von ihr verschiedenes Koordinatensystem hat, in das sie eingeordnet werden kann. <span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Ein wirklich gelebtes Christentum aber ist das Ganze der menschlichen Existenz. Eine Rechtfertigung des christlichen Lebens kann daher nicht durch eine Einordnung in ein gr\u00f6sseres und umfassenderes Koordinatensystem geschehen \u00fcber dessen Legitimit\u00e4t man schon vor einer solchen versuchten Einordnung einig w\u00e4re.<\/strong><\/span> Wenn das aber so ist, wie soll man dann auf diese Frage \u00fcberhaupt antworten k\u00f6nnen, zumal, wenn im Unterschied zu fr\u00fcheren Zeiten kaum irgendetwas allgemein angenommen ist, das als auch von dem gebilligt vorausgesetzt werden kann, der einem diese Frage \u201cWarum bist du ein Christ?\u201d kritisch stellt. Wer einen zwingt auf eine solche Frage nach dem einen Ganzen der Existenz und der Wirklichkeit eine Antwort zu geben, muss, wenn er fair ist, wirklich damit rechnen, dass eine solche Antwort sehr fragmentarisch ist und vielleicht gerade auf das nicht eingeht, was der Frager selbst, an sich mit Recht, h\u00f6ren m\u00f6chte. F\u00fcr mich sind &#171;Ich und Welt&#187; eine unendliche Frage. Mir ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass es auch in der entferntesten Zukunft der menschlichen Erfahungsgeschichte und sekund\u00e4r dazu auch der Wissenschaft nie einen Punkt geben wird, an dem alle Fragen beantwortet, alle Probleme aufgearbeitet und endg\u00fcltig erledigt sein werden. Kann man diese Behauptung aufstellen? Ich glaube, man kann es und muss es, auch wenn ich jetzt mir einen genauen reflektierenden Beweis f\u00fcr diese Behauptung ersparen muss. Aber damit ist eigentlich eine ungeheuerliche Tatsache von vornherein festgestellt: Wir sind grunds\u00e4tzlich und immer unterwegs, nie an einem Ende, immer diejenigen, die noch einmal weiterfragen k\u00f6nnen, die alles Erreichte noch einmal \u00fcbersteigen und in eine Unendlichkeit hinein \u00fcberfordern k\u00f6nnen. Ich wundere mich eigentlich, wie und mit welchem Recht die meisten meiner Zeitgenossen diese meine \u00dcberzeugung teilen, auch die, die leugnen, dass es das oder den gibt, den ich Gott nenne. Solche Leute m\u00fcssten ja eigentlich der \u00dcberzeugung sein, dass man grunds\u00e4tzlich schliesslich hinter alles und jedes kommen k\u00f6nne. Die partikul\u00e4re Wirklichkeit, die ich selber bin, letztlich doch alles, weil es ja nur die Summe von solchen Partikularit\u00e4ten ist, durchschaut werden k\u00f6nne und dann in seine Banalit\u00e4t, letztlich ins Nichts fallen gelassen werden k\u00f6nne. Das Nichts selber, in das man bei derartigen Fragen hineinfahren w\u00fcrde, bed\u00fcrfte dabei ja keiner Problematik und keiner Aufkl\u00e4rung, wenn dieses Nichts wirklich nichts ist und man mit diesem Wort, das ja gar nicht geheimnisvoll sein d\u00fcrfte, nicht etwas ganz anderes bezeichnet.<\/p>\n<p>[08:00] Aber mich umf\u00e4ngt und durchdringt das ewige Geheimnis, das unendliche Geheimnis, das alles andere ist als die zusammengekratzten Restbest\u00e4nde des vorl\u00e4ufig noch nicht Gewussten und noch nicht Erfahrenen, mich und Sie umfasst das Geheimnis, das in seiner Unendlichkeit und Dichte zugleich, \u00e4usserst und innerst den tausend zersplitterten Wirklichkeiten ist, die wir unsere Erfahrungswelt nennen. Dieses Geheimnis ist da, spricht sich aus, indem es schweigt; es l\u00e4sst gelassen die reden, die erkl\u00e4ren, von ihm zu reden bewirke nur sinnloses Geschw\u00e4tz. Ich kann den \u00c4rger und die Gereiztheit derer schon verstehen, die so reden. In dem Augenblick, in dem man dieses Geheimnis, das alles schweigend umfasst, nicht anbetend liebt, wird es einem zum \u00c4rgernis; es ist da, l\u00e4sst sich nicht einordnen, es scheint nur zu schweigen und alle unsere eigenen Deutlichkeiten und Sicherheiten aufzuheben. Wenn man sich ihm nicht liebend ergibt, kann man es nur emp\u00f6rt leugnen, indem man in die Gesch\u00e4fte des Alltags flieht und diesen im Letzten doch mehr Gewicht zuerkennt als sie, die Fl\u00fcchtigen und Sterbenden, von sich aus wirklich haben. Dieses Geheimnis, das alle Einzelwirklichkeit Grund und aller Erkenntnis und Freiheit Raum und Horizont gew\u00e4hrt, nenne ich Gott.<\/p>\n<p>Es muss nicht noch umst\u00e4ndlich bewiesen werden, wenn es auch allen Beweisenden nachdenkensw\u00fcrdig ist, dass wir es insgeheim schon immer vorausgesetzt und mitgenannt haben, wenn wir auf den M\u00e4rkten des Alltags oder in den H\u00f6rs\u00e4len der Universit\u00e4ten \u00fcber abertausend Dinge zu reden beginnen. Wenn ich innehalte und schweige, alle die vielen einzelnen Wirklichkeiten meines Lebens in ihren einen Grund zur\u00fccktreten lasse, alle einzelnen Fragen zu der Frage werden lasse, die durch alle Einzelfragen und alle Einzelantworten zusammen zu nicht beantwortet werden kann, sondern aus ihr selbst das unendliche Geheimnis hervortreten l\u00e4sst, dann ist dieses Geheimnis da und es beunruhigt mich im Letzten nicht mehr, was eine rationalistische Wissenschaft dazu skeptisch meint, sagen zu k\u00f6nnen. Ich meine dann gar nicht, dass ich mich in irrationalen Gef\u00fchlen verliere, sondern, dass ich an dem Punkt des Geistes, der Vernunft und Einsicht angekommen bin, an dem alle Rationalit\u00e4t erst entspringt. Die traditionellen Gottesbeweise werden von mir nicht verachtet, aber ich lese sie als zwar sinnvolle und notwendige aber doch sekund\u00e4re Auslegungen und Verbalisierungen jener Erfahrung, in der ich schweigend vor das unendliche Geheimnis gerate. [12:44] Die ungeheure, alles in einem Erzittern machende Erfahrung ist die: Ich kann auf dieses alles umfassende, alles tragende und durchdringende, alles distanzierende und doch f\u00fcr sich einnehmende Geheimnis zugehen, ich kann es anreden, ich kann beten. Ich weiss, wenn solcher betende Zugang geschieht, ist dies nochmals die Tat dieses Geheimnisses selber. Aber eben sie macht, dass ich vor diesem Geheimnis bin, von ihm verschieden, in meine eigene Wirklichkeit hineingestellt, so dass ich, wenn ich auf es zugehe, nicht vergehe, sondern gerade dieses unendlichen Geheimnisses teilhaftig werde. Ich erfahre in dem, was wir Christen Gnade nennen, dass dieses Geheimnis, um es selber zu sein, nicht n\u00f6tig hat, mich bloss in unendlicher Ferne von sich zu distanzieren, dass es vielmehr sich selber gibt als unsere Erf\u00fcllung.<\/p>\n<h3>Das einzige Verbot des Christen<\/h3>\n<p><img data-opt-id=1005920118  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-7980\" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Verbotsfafel.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"155\" srcset=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:400\/h:267\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Verbotsfafel.jpg 400w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:200\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Verbotsfafel.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/>[14:22] <strong><span style=\"color: #ff0000;\">Es ist dem Christen verboten und das ist eigentlich das einzige Verbot, das ganz ernst genommen werden muss, verboten, sich mit weniger als der unendlichen F\u00fclle Gottes zu begn\u00fcgen, sich im Endlichen endg\u00fcltig gl\u00fccklich anzusiedeln oder in dieser Enge zu ersticken, frevelhaft bescheiden zu meinen, Gott k\u00f6nne im Ernst, diese durch tausend Bedingtheiten endliche Kreatur nicht ernst nehmen.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Die Welt hat nicht nur im Menschen begonnen, zu sich selber zu kommen, vielleicht auch noch irgendwo anders, sondern Gott hat schon begonnen, zum Menschen zu kommen und der Mensch zu Gott. Es mag k\u00fcnftig noch tausend evolutive Aufgipfelungen, qualitative Spr\u00fcnge usw. geben, die noch nicht sind, aber noch kommen werden. Aber die unendliche nicht \u00fcberbietbare Selbstzusage Gottes, des unendlichen Gottes, an den Menschen ist da, durchdringt alles, ist die innerste Entelechie und Dynamik der Welt. Nat\u00fcrlich gibt Gott selber in diesem Gesch\u00e4ft letzte Dynamik und letzte Entelechie der Welt und ihrer Geschichte zu sein, nicht auf. Der Urknall verk\u00fcndet nicht die Geburt Gottes selbst, sondern unsern Anfang, wenn man will, sonst w\u00e4re ja Gott nicht er selber.<\/p>\n<p>[16:40] Zum Geheimnis geh\u00f6rt, dass wir es nur dann brauchen k\u00f6nnen, wenn es selber uns nicht braucht. Nur im Akt der Liebe von beiden Seiten, k\u00f6nnen wir sagen, dann freilich mit Meister Eckehart, dass Gott ohne uns nicht leben k\u00f6nnte, denn nur in diesem Akt der Liebe empf\u00e4ngt man so, dass man das Empfangene auch absolut freigibt, Gott gewissermassen Gott in seiner eigenen unverbrauchbaren G\u00f6ttlichkeit sein l\u00e4sst. Das ist das Geheimnis der Liebe und diese Liebe ist das Geheimnis, das sich uns selber zugesagt hat. Wo diese Selbstzusage Gottes auf das personale Selbst des Menschen auftrifft, seine Dynamik auf Gottes Unmittelbarkeit selbsthin radikalisiert und Gott in sich selbst, wenn nat\u00fcrlich auch als das unumfassbare Geheimnis, zum Zielpunkt und zugleich zur Dynamik des menschlichen Geistes und seiner Geschichte macht, ist schon in einem wahren, wenn auch noch nicht reflektierten und noch nicht verbalisierten Sinne, das gegeben, was wir christlich Offenbarung im eigentlichen Sinne nennen. Diese Offenbarung als Er\u00f6ffnung eines unendlichen Horizonts, als Bewegung auf das unendliche Geheimnis als solches hin, als alles Einzelne \u00fcbersteigende Freiheit, ist als geheime Kraft in der ganzen Freiheitsgeschichte der Menschheit gegeben, wo immer diese sich in tausend Gestalten zum unumfassbaren Geheimnis Gottes bekennt. Dieses Geheimnis ist erst recht wirksam und in der ganzen L\u00e4nge und Breite der Religionsgeschichte gegeben. Mag in dieser Religionsgeschichte, die die Offenbarung Gottes im eben angedeuteten Sinn gegenst\u00e4ndlich macht, verbalisiert und institutionalisiert, bei dieser Objektivation das eigentlich Gemeinte tausendmal zu kurz geraten und depraviert werden: der Christ hat dennoch das Recht und die Pflicht auf dieser Religionsgeschichte in ihrer Weite und L\u00e4nge mit Ehrfurcht zu blicken, weil darin doch immer auch der Geist Gottes in der g\u00f6ttlichen Selbstmitteilung am Werke ist und den Menschen immer wieder mit einer letzten Ehrfurcht und einer bedingungslosen Hingabe an das unendliche Geheimnis seines Lebens erf\u00fcllt. Weil ich unter diesem Aspekt die Religionsgeschichte bedenke und darum von einer letzten Einheit in ihr trotz aller Vielfalt und Zerrissenheit in Widerspr\u00fcche weiss, infiziert mich diese Religionsgeschichte nicht mit jenem geheimen skeptischen Relativismus vieler Zeitgenossen, der die Religionen immer nur als Gem\u00e4chte primitiver Bewusstseinszust\u00e4nde sehen, Gem\u00e4chte, die langsam am Absterben sind.<\/p>\n<p>[21:20] Viele einseitige und zu kurz geratene Objektivationen dieser urspr\u00fcnglichen Gottesunmittelbarkeit des Geistes m\u00f6gen absterben. Dadurch ist nur das Unwesen, nicht das Wesen der Religion bedroht. Ich sehe getrost in die Zukunft der Religion. [21:52] Wenn sich, nat\u00fcrlich ein absurder Gedanke, der Mensch zu einem Wesen ohne jede absolute Sehnsucht, ohne Metaphysik, zu einem nur noch findigen Tier oder zum Untertanen seiner eigenen Computer entwickeln, zur\u00fcckentwickeln w\u00fcrde, nun, dann w\u00e4re eben doch nur das Ende der Menschheit gekommen, wenn auch auf eine bisher nicht erwartete Weise, ein Ende, das zu erwarten der Gl\u00e4ubige immer schon als einen Teil seines Credos betrachtet hat. Dieses Ende w\u00fcrde f\u00fcr die vorausgehende Religionsgeschichte, als der Geschichte einer unendlichen Hoffnung, kein negatives Urteil \u00fcber diese Hoffnung bedeuten. Dieses Ende w\u00e4re dann nur der geistespolitisch durchgef\u00fchrte Selbstmords der Menschheit, der denen Recht gibt, die vorher lebten und glaubten.<\/p>\n<h3>Suizid ist keine h\u00f6here Instanz gegen das Leben<\/h3>\n<p>Die k\u00fcnftige Religionsgeschichte und damit auch die Kirchengeschichte m\u00f6ge noch ganz unvorstellbare Gestalten der Religion hervorbringen. Es ist schwer zu sagen, wie der Platz aussehen wird, den ein verbalisiertes und institutionalisiertes Verh\u00e4ltnis des Menschen zum ewigen Geheimnis einnehmen wird. [23:57] Aber solange der Mensch der Mensch des unendlichen Geheimnisses Gottes ist, wird auch Religion sein, die in irgendeiner Weise auch auf den M\u00e4rkten des Alltags bezeugt werden wird. Ob die Zahl der Menschen, die ihre Religiosit\u00e4t gesellschaftlich institutionalisiert leben werden, im Verh\u00e4ltnis zur Gesamtheit der Menschen gr\u00f6sser oder kleiner werden wird, das ist eine Frage, auf die ich keine Antwort habe, die aber f\u00fcr den, dessen Gewissen ihn zu solcher Sozialit\u00e4t der Religion verpflichtet, keine fundamentale Bedeutung hat. Dar\u00fcber, dass das Christentum auch als solches \u00fcberleben wird, muss noch im Folgenden eigens Auskunft gegeben werden.<\/p>\n<h3>Das Christentum wird \u00fcberleben<\/h3>\n<p>[25:10] Mein Christentum bedeutet nun aber nicht nur die radikale Offenheit in Anbetung, Ergebung und Liebe auf das unsagbare Geheimnis Gottes hin. Mein Christentum hat nicht nur, wenn man so sagen will, einen transzendentalen, einen pneumatologischen Charakter, mein Christentum hat auch und wesentlich eine geschichtliche Dimension. Dieses Christentum bekennt n\u00e4mlich, dass dieses Selbstangebot des unendlichen Geheimnisses als Erf\u00fcllung des Menschen nicht nur die \u00e4usserste und radikalste M\u00f6glichkeit des Menschen von Gott her gegeben f\u00fcr seine Freiheitsgeschichte ist, sondern auch, mindestens einmal auf das Ganze der Menschheitsgeschichte hin gesehen, durch die Kraft dieses Angebotes sich tats\u00e4chlich siegreich in der Welt durchsetzt und sich in dieser Irreversibilit\u00e4t und in diesem Sieg in der Geschichte schon gezeigt hat. Das geschichtliche Ereignis, in dem das Angebot Gottes an die Menschheit irreversibel wurde und in diesem Sieg auch geschichtlich greifbar ist, findet der christliche Glaube in Jesus Christus.<\/p>\n<p>Er, der Gekreuzigte und Auferstandene, ist der, der diese irreversible Selbstzusage Gottes an die Welt in seiner Verk\u00fcndigung vom Nahegekommensein des Reiches Gottes verk\u00fcndigte, der in seiner Einheit mit Gott und in seiner bedingungslosen Solidarit\u00e4t mit allen Menschen zugleich sich als das Ereignis dieser nicht mehr aufhebbaren N\u00e4he Gottes zu Welt wusste, dieses Gekommensein im Absturz in die Leere und Ohnmacht des Todes festhielt und der erfahren wurde als der, der in diesem Tod als der einen und ganzen \u00dcbergabe an das Geheimnis wirklich mit seiner ganzen Existenz bei Gott angekommen und gerettet ist, erfahren wird als der Auferstandene. F\u00fcr mich ist Jesus die nicht mehr aufhebbare, unwiderrufliche Selbstzusage Gottes an mich in der Geschichte, das letzte un\u00fcberbietbare und unwiderrufliche Wort Gottes, das Wort schlechthin. F\u00fcr mich hat daher, ich kann das nicht n\u00e4her ausf\u00fchren, die klassische Christologie von Ephesus und Chalcedon, keinen mythologischen Beigeschmack, wenn ich auch gestehen muss, dass die Christologie vieler frommer Mitchristen, trotz ihrer verbalen Orthodoxie, mir von solchen mythologischen Amalgamen nicht frei zu sein scheint, auch nicht einmal bei amtlichen Vertretern dieser kirchlichen Christologie. Ich habe nun einmal, ehrlich gesagt, den Eindruck, dass der Satz wie: Jesus ist Gott, unsagbar wahr und heilschaffend sein kann und ebenso schrecklich t\u00f6richt missverstanden werden kann. Im ersten Fall n\u00e4mlich ist dies ein Satz einer einmaligen Einheit von Gott und Mensch. Im zweiten Fall ein falscher Satz von Identit\u00e4t, der nur heterodox als Ausdruck der Rechtgl\u00e4ubigkeit verstanden werden kann, obwohl manche fromme Leute meinen, sie m\u00fcssten das Sacrificium intellectus, das Opfer ihres Intellekts, zu einem solche Identit\u00e4tssatz bringen. Ich meine, man kann auch in der Christologie mit dem Konzil von Chalcedon viel rationaler sein als manche Leute meinen.<\/p>\n<p>Das letzte und eigentlichste Mysterium der Christologie ist schliesslich doch in dem gegeben, was wir f\u00fcr uns alle erhoffen, erhoffen d\u00fcrfen und m\u00fcssen, wenn wir Christen sein wollen, n\u00e4mlich dass Gott als er selber sich dem Menschen mitteilen kann, ohne dass er doch wieder durch eine kreat\u00fcrliche, von ihm verschiedene, Wirklichkeit vertreten werden muss und ohne dass bei dieser Mitteilung der Mensch in sich selber ins Nichts sich aufl\u00f6sen w\u00fcrde. Darum stehen mein Glaube an meine eigene Vollendung in Gott selber und der Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus f\u00fcr mich nahe beieinander, auch wenn sie nicht identisch sind, geh\u00f6ren in die eine Grund\u00fcberzeugung hinein, dass Gott, ohne aufzuh\u00f6ren das unendliche Geheimnis zu sein, ein Gott unsagbarer N\u00e4he sein wollte und unwiderruflich ist. Christologie, die von der Menschwerdung Gottes zeugt und Pneumatologie, die von der Mitteilung Gottes an sich selbst im Heiligen Geiste in unsere Existenz redet, geh\u00f6ren im christlichen Glauben unl\u00f6sbar zusammen. Dass die geschichtliche Erscheinung der unwiderruflichen Einheit von Gott und Welt, gerade in Jesus von Nazareth sich ereignet hat, das ist nat\u00fcrlich nicht spekulativ abzuleiten, sondern geh\u00f6rt in die unaufl\u00f6sbare Faktizit\u00e4t und Einmaligkeit der Geschichte. Immerhin aber kann ich verstehen, dass die reale Begegnung mit dem Absoluten, wo diese nicht nur gedacht, sondern angenommen und realisiert wird, in der Faktizit\u00e4t der Geschichte geschieht und nicht in der abstrakten Dimension der Ideen allein. Man kann Ideen und Spekulation lieben, kann sie zum eigentlichen Menschsein rechnen, darf sie nicht abwerten als \u00fcberfl\u00fcssigen Luxus und Zeitvertreib. Aber auch wenn solcher Aufstieg in solche H\u00f6hen des Geistes zur vollen Erleuchtung f\u00fchren w\u00fcrde, in der alle Schleier tr\u00fcgerischer Verg\u00e4nglichkeit zu fallen scheinen, m\u00fcsste eine solche Erleuchtung wie sie uns heute die \u00f6stlichen Kontemplationslehren anbieten dennoch noch durch die Nacht des Todes hindurchgehen, um endg\u00fcltig und glaubw\u00fcrdig zu werden. Und da hinein m\u00fcsste einer alles, wenn auch verwandelt mitnehmen, was er ist und was er hat, alles, seine ganze Geschichte mit Leib und Seele. Und der Weg der Transzendenz und der Mystik und der Kontemplation ist erst zu Ende, wenn der Weg der Geschichte im Tod zu Ende ist. Und darum schaue ich, wenn ich all die hohen Worte von einer dem Menschen m\u00f6glichen Kontemplation h\u00f6re, doch aus nach dem, der in der Geschichte mit mir und f\u00fcr mich gestorben ist und bei dem ich mit einer un\u00fcbersehbaren Zahl meiner christlichen Br\u00fcder und Schwestern den Mut des Vertrauens habe, das nirgends sonst in der Geschichte jemand von mir zu fordern wagt, dass dieser Tod Jesu im Leben Gottes selber angekommen ist. Ich bin nicht nur Idee, ich kann die Geschichte nicht aus meiner Idee auslassen, darum weiss ich, dass ich an der Geschichte Jesu mich nicht vorbeidr\u00fccken kann, obwohl sie nat\u00fcrlich auch mit all der Relativit\u00e4t des Geschichtlichen und mit all der Dunkelheit historischer Erkenntnis belastet ist. Weil ich Mensch und Christ bin, ist es f\u00fcr mich im Letzten doch selbstverst\u00e4ndlich, dass ich ein Christ in der Kirche, ein kirchlicher Christ bin.<\/p>\n<p>[37:08] Ich m\u00f6chte das Denken und die freie Entscheidung nicht sozialisieren, Verstand und Freiheit bei einem Kollektiv abliefern. Aber ich kann mich nun einmal nicht so wichtig nehmen, dass mir meine eigene \u00dcberzeugung dann noch wirklich radikal wichtig w\u00e4re, wie es dem Glauben einer als totaler Lebensentscheidung eigen sein muss, wenn diese meine \u00dcberzeugung von vornherein und nur die meine sein wollte. Wenn Religion das Eigentlichste und das Ganze des Menschen meint, dann kann sie gar nicht von vornherein bloss das individuelle und das innerlichste des Menschen allein meinen wollen. Religion muss meine eigene und freie \u00dcberzeugung sein, muss in der innersten Mitte meiner Existenz erfahren werden k\u00f6nnen, aber diese Existenz findet sich selber nur in einer Gemeinschaft und Gesellschaft, indem sie sich gebend und empfangend \u00f6ffnet. \u00dcberdies ist ja das Christentum eine geschichtliche Religion, bezogen auf den einen Jesus Christus. Aber von ihm habe ich doch nur durch die Kirche und nicht anders geh\u00f6rt. Ich kann mir darum kein privatistisches Christentum leisten, das seine eigene Herkunft verleugnen w\u00fcrde. Ich muss diese geschichtliche Herkunft meines Christentums durch meine eigene Kirchlichkeit bezahlen. Damit sind nat\u00fcrlich noch l\u00e4ngst nicht alle Gr\u00fcnde f\u00fcr die Kirchlichkeit eines Christen genannt, noch nicht einmal vielleicht die wichtigsten, aber das mag hier nun gen\u00fcgen. Ein solcher kirchlicher Christ weiss nat\u00fcrlich um die Geschichtlichkeit der Kirche; er weiss darum auch um all das Menschliche, Allzumenschliche und Unmenschliche, das in dieser Geschichte der Kirche an Haupt und Gliedern geschehen ist in Vergangenheit und in Gegenwart. Ein Christ, der an die echte Herk\u00fcnftigkeit der Kirche von Jesus Christus und darum an ihr Wesen als das Grundsakrament des Heiles f\u00fcr die ganze Welt glaubt, kann sich bei dieser nur zu oft allzumenschlichen Geschichte der Kirche nicht so unbefangen wie bei anderen geschichtlichen Gebilden darauf berufen, dass es eben um eine Geschichte von armen Menschen sich handle, die sich \u00fcberall auf der B\u00fchne der Weltgeschichte furchtbar schrecklich auff\u00fchren und aufgef\u00fchrt haben. Der Christ muss nat\u00fcrlich hoffen und erwarten, dass der Sieg der Gnade, den die Kirche auch in ihrem eigenen Erscheinungsbild verheissen soll, mit strahlendem Glanz in ihrer eigenen Geschichte offenbar werde. Es gibt darin aber diese Offenbarung, die nur der gr\u00e4mliche Menschenver\u00e4chter aus Grundsatz \u00fcbersehen kann. Aber der Christ w\u00fcrde w\u00fcnschen, dass dieser g\u00f6ttliche Glanz erheblich deutlicher sei. Der Christ wird diese seine bescheiden machende Erfahrung realistisch als Tatsache hinnehmen, auch wenn er sie nicht ganz erkl\u00e4ren kann und noch weniger rechtfertigen darf in einem billigen Triumphalismus, wie man das Gemeinte auf dem letzte Konzil genannt hat. Da aber ein ehrlicher Christ, der sich selbst als armen S\u00fcnder erkennt, seinen eigenen Beitrag an dieser Verdunklung der Erscheinung der Kirche leistet, wird er gewiss nicht pharis\u00e4isch aus dieser Verdunklung ein Recht ableiten, sich von dieser Kirche der S\u00fcnder zu distanzieren. Recht auf Kritik hat er nat\u00fcrlich immer. Eine letzte Identifikation mit dem Grundwesen der Kirche, die dieser Kirche nie verloren ging oder geht, bedeutet ja kein Einverst\u00e4ndnis mit allem und jedem, was in dieser Kirche getan wurde oder getan wird, auch nicht mit allem, was die Hierarchie oder der Papst tun und auch nicht mit allem und jedem, was in der Kirche als offizielle Lehre vorgetragen wird. F\u00fcr mich ist zwar das eigentliche Dogma der Kirche eine schlechthin verpflichtende Gr\u00f6sse. Und ich musste als Christ und als Theologe gar nicht selten mit einer gewissen Anstrengung des Geistes und des Herzens fragen, was mit einem bestimmten Satz, den das kirchliche Lehramt als Dogma vortr\u00e4gt, eigentlich gemeint sei, um eine Zustimmung ehrlich und ruhig leisten zu k\u00f6nnen. Ich habe aber in meiner eigenen Lebensgeschichte keinen Fall erlebt, in dem mir dies nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Wenigstens dann nicht, wenn ich mir auch bei solchen Dogmen klar machte, dass sie alle nur mit einem ihrem Richtungssinn auf das Mysterium Gottes selbst richtig verstanden werden, dass sie immer in einer auch geschichtlich bedingten Gestalt auftreten, immer unvermeidlich mit gewissen Amalgamen verbunden sind, die nicht eigentlich zu ihrem Aussageinhalt geh\u00f6ren und diesen doch missverst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnen, dass diese Dogmen in ihren Formulierungen auch Sprachregelungen sind, die von der gemeinten Sache her nicht immer gerade so sein m\u00fcssten, wie diese Sprachregelung vom kirchlichen Lehramt verbindlich vorgeschrieben ist.<\/p>\n<p>[45:22] Anders ist es aber bez\u00fcglich dieser oder jener, relativ untergeordneten Lehre, die auf dem Gebiet der Exegese, der systematischen Theologie, der Moraltheologie vom r\u00f6mischen Lehramt vorgetragen wurde oder vorgetragen wird als amtliche Lehre mit dem Anspruch verbindlich, wenn auch nicht definierend zu lehren.<\/p>\n<p>[46:38] Um nur Beispiele und zwar aus j\u00fcngster Zeit zu erw\u00e4hnen, so finde ich weder unter Sachargumentation noch von der formalen tats\u00e4chlich in Anspruch genommenen Lehrautorit\u00e4t der Kirch her einen \u00fcberzeugenden und zwingenden Grund, der umstrittenen Lehre aus Humanae vitae Pauls VI. oder der Erkl\u00e4rung der Glaubenskongregation zuzustimmen, die die Ordination der Frau grunds\u00e4tzlich und f\u00fcr alle Zeiten und Kulturen ausschliessen will. Aber eine solche Identifikation mit jedweder kirchenlehramtlichen Erkl\u00e4rung ausserhalb des eigentlichen Dogmas verlangt die Kirche nicht nur faktisch nicht von mir, sondern auch nach den Prinzipien in dieser Frage nicht, die sie in ihrer normalen Theologie selber lehren l\u00e4sst. Ist dem aber so, dann braucht ein Christ und ein Theologe bei solchen Distanzierungen nicht das Gef\u00fchl haben, er marginalisiere sich selber durch seine Haltung in der Kirche. Als Theologe hat er es dann vielleicht nicht in jedem Falle bequem. Es kommen wohl auch heute noch sachlich unberechtigte administrative Massnahmen vor, durch die die legitime Meinungs- und Forschungsfreiheit der Theologen ungeb\u00fchrlich eingeschr\u00e4nkt wird. Man kann aber solchen Engen in der faktischen Kirche auch nicht von vornherein dadurch begegnen wollen und abhelfen wollen, dass man das Lehramt vor das Dilemma stellt, entweder das reine Dogma allein zu verk\u00fcnden und zu sch\u00fctzen oder einfach ganz zu schweigen. So einfach ist es eben nicht. Und darum bleibt dem Theologen nichts \u00fcbrig als nach Kr\u00e4ften dahin zu wirken, dass solche Fehlgriffe der amtlichen Lehrinstanzen faktisch m\u00f6glichst selten passieren auch wenn es kein apriorisches Rezept f\u00fcr eine v\u00f6llige Vermeidung gibt und im \u00fcbrigen solche Fehlgriffe in Geduld unter jene M\u00e4ngel und S\u00fcnden zu rechnen sind, die in der Geschichte der Kirche der S\u00fcnder nie fehlen werden. All das aber ber\u00fchrt im Letzten die Kirchlichkeit eines Christen und Theologen in seinem eigentlichen, existentiellen Verh\u00e4ltnis zur Kirche nicht. Ich kann zwar verstehen, dass es Christen gibt, die sich von ihrem Gewissen her legitimiert oder sogar verpflichtet f\u00fchlen, aus der Kirche auszuwandern, genau so wie ich vielen Menschen ein gutes Gewissen zu Handlungen auf dem Gebiet des Sittlichen zubillige, die mein Gewissen f\u00fcr mich und an sich schlechthin verwirft, aber darum bleibt f\u00fcr mich die Kirchlichkeit meines Christentums und auch meiner Theologie dennoch selbstverst\u00e4ndlich. Diese M\u00f6glichkeit eines legitimen Ausgleiches gibt es nat\u00fcrlich nicht nur auf dem Gebiet der kirchlichen Lehre, sondern erst recht bez\u00fcglich der Teilnahme am kirchlichen Leben. Wenn man genauer zusieht, kann man feststellen, dass die amtlichen Normen f\u00fcr das kirchliche Leben auch in der katholischen Kirche dem Christen einen ausserordentlich weiten Spielraum f\u00fcr die individuelle Gestaltung seines christlichen Lebens einr\u00e4umt. Das Haus der Kirche ist viel weiter und l\u00e4ngst nicht nur aus den R\u00e4umen bestehend, die eng und stickig sind. Man sollte zwar die Bedeutung, die religi\u00f6se Kraft und selbst eine gewisse theologische Normativit\u00e4t der Volksfr\u00f6mmigkeit nicht untersch\u00e4tzen, die oft viel grossartiger ist, mehr von Gott versteht als ein d\u00fcnner Rationalismus und b\u00fcrgerliche Wohlanst\u00e4ndigkeit, aber im Hause unseres Vaters sind viele Wohnungen unter denen man aussuchen kann, ja muss, wenn man sein eigenes Leben vor Gott verantworten will. Dabei w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn die kirchliche Verk\u00fcndigung und die amtlich eingesegnete Praxis, wie sie in Durchschnittspredigten und Kirchenbl\u00e4ttern sich \u00e4ussert, etwas mehr von der Weite der Kirche und von der Freiheit eines Christenmenschen merken liessen. Man kann zwar kein Vaterland haben, wenn man nicht auch mit seinen Spiessb\u00fcrgern und Nachtw\u00e4chtern zu leben bereit ist. So ist es auch bei der Kirche, man darf aber auch den Katholizismus eines bestimmten Landes nicht einfach mit der Kirche \u00fcberhaupt identifizieren und sie die Enge und Hartherzigkeit eines solchen regionalen Katholizismus entgelten lassen. Aber auch in einer Teilkirche eines solchen Katholizismus, in einem St\u00fcck der einen ganzen Weltkirche, wird das Wort von Gott und seiner Gnade verk\u00fcndet, wird seine Vergebung einem zugesagt und der Tod und die Auferstehung Jesu gefeiert, bis er wiederkommt. Mir will scheinen, dass solche, die gar zu sehr an der Kirche zu leiden sagen ihr eigentliches Wesen und ihr letztes Verh\u00e4ltnis zur Kirche nicht recht verstanden haben.<\/p>\n<p>Wenn ich eigentlich selbstverst\u00e4ndlich und unbefangen, ja sogar mit einer gewissen Tr\u00e4gheit des Geistes, die aus der Gewohnheit kommt, mein Christentum und zwar in der Kirche lebe, dann kann es nat\u00fcrlich Augenblicke geben, in denen ich mich erschreckt frage: Was machst du da eigentlich? Dann sage ich mir zu dem hinzu, das da ist, auch wenn es unaussprechlich ist: Du kannst zu keiner gr\u00f6sseren Helligkeit fliehen, als du sie hast, und du hast kein Recht, zu Gunsten einer radikaleren Lebensentscheidung in eine gr\u00f6ssere Finsternis dich fallen zu lassen, weil die Helligkeit, die du hast, strahlender und zwingender k\u00f6nnte gew\u00fcnscht werden als du sie besitzest. Ich sage weiter zu mir: Du nimmst gelassen und in ruhiger Hoffnung das unbegreifliche Geheimnis an. Was k\u00f6nnte, wenn du das tust, eigentlich dann im letzten fehl gehen? Was k\u00f6nnte ich denn anderes w\u00e4hlen, was nicht schon l\u00e4ngst durch dieses Geheimnis, dem du dich doch ergibst, umfasst w\u00e4re? Ich sage mir: Du wirst sterben und dein Tod wird dann deine ganze Existenz und auch deine Theorie, die du dar\u00fcber machst, treffen. Ist es da nicht einzig sinnvoll, mit Jesus in seinen Tod hineinzusterben, daraufhin jetzt mit ihm zu leben? Ich sage mir dann: Ist das zusammen nicht eigentlich schon das Christentum? Kann man nicht alles andere an diesem Christentum, mag es auch schwer verst\u00e4ndlich und schwer ertr\u00e4glich sein, einfach hinnehmen, weil alles eben doch nur zusammen gehabt werden kann? Wenn ich mich so frage und mir so antworte, dann scheint es mir erlaubt zu sein, mein Christentum doch f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich zu halten, das Unbegreifliche sehr begreiflich zu denken und zu leben, wenigstens im Versuch.<\/p>\n<h3>Schluss<\/h3>\n<p>Das, was ich eben vielleicht etwas abstrakt gesagt habe, zu verdeutlichen: Neulich, weiss nicht ob das empfehlenswert gewesen w\u00e4re, hab ich faktisch das Buch eines amerikanischen Spiritisten, in Deutschland erschienen oder ins Deutsche \u00fcbersetzt, gelesen. Da wird also einem durch angebliche oder richtige, das ist mir gleich, Erfahrungen gelehrt, dass der Mensch nach dem Tod weiter existiert und weiter handelt. Aber wenn man dann genauer zusieht, was in diesem Leben jenseits des Todes in der N\u00e4he zu uns passiert, dann, entschuldigen sie, wenn ich da so grob sage, sind es nur die Albernheiten meines jetzigen Lebens, da wird weiter geforscht, da unterh\u00e4lt man sich weiter, da macht man neue Kompositionen im Stile von Mozart oder Schubert usw. Da hat man vielleicht auch noch einmal sogar, nach diesem Spiritisten, Krach miteinander und ich sage mir dann: Himmel noch einmal, da hab ich doch in der Botschaft des Christentums eine ganz andere eine ungeheuer radikale Aussicht, n\u00e4mlich, dass ich nicht nur mich so langsam in immer h\u00f6here Sph\u00e4ren hinaufschwinge in meiner weiteren Entwicklung nach meinem Tod, sondern nat\u00fcrlich durch die Gnade Gottes, dem ewigen Gott als einem solchen begegne. Und im Unterschied zu solchen Spiritisten habe ich die \u00dcberzeugung, dass das nicht nur bei so ein paar sublim Erleuchteten, von einer \u00f6stlichen Kontemplation eingeforderten, in die weiselose schweigende Unbegreiflichkeit Gottes, m\u00f6glich ist, sondern von mir und von Dir von uns normalen Spiessb\u00fcrgern des Alltags, die schauen m\u00fcssen, dass sie was verdienen, die hoffen, dass sie ordentlich schlafen k\u00f6nnen und mit ihrer Umgebung auskommen k\u00f6nnen. F\u00fcr diese alle, f\u00fcr uns alle sagt das Christentum, dass wir wirklich an einem absoluten un\u00fcberbietbaren unendlichen radikal gleichsam dichten Geheimnispunkt ankommen, in dem alles, was hier und auch im Jenseits sonst erfahren werden k\u00f6nnte, von vornherein radikal zusammengefasst, lebendig, ewig g\u00fcltig ist, bei dem Punkt der Gott heisst. Ich habe wirklich nichts gegen \u00f6stliche Meditationslehren, aber ich habe einen merkw\u00fcrdigen Verdacht gegen so eine elit\u00e4re Mentalit\u00e4t, wenn sie nur zur grossen Erleuchtung \u00fcber alle Raumzeitlichkeit hindurch stossen k\u00f6nnen, wenn sie diese Mystagogie \u00f6stlicher Art praktiziert haben und endg\u00fcltig fertig gebracht haben, dann meine ich, ist eigentlich damit eine so elit\u00e4re Auffassung des Menschen gegeben, denn die meisten, wir, bringen das ja alles gar nicht fertig. Das Christentum sagt aber, wenn du, nat\u00fcrlich nur dann, irgendwo in Deinem Leben es fertig bringst, Deinem Gewissen wirklich treu zu sein, wo sich nicht mehr lohnt, den N\u00e4chsten zu lieben, wo diese Liebe nicht mehr ein schlauer Ausgleich zwischen zwei Egoismen ist, wenn Du Deine unbelohnte Pflicht in Deinem Leben getan hast, dann vagierst Du nicht bloss in irgendwelchen weiteren Schichten und Sph\u00e4ren der Wirklichkeit nach dem Tod, sondern dann kommt Dir der ewige, der lebendige, der unendliche Gott des unsagbaren Geheimnisses entgegen und Du bist selig nicht durch irgendwelche weiteren Evolutionen, die Du Dir ausdenkst, sondern durch Gott selbst. Das ist, ich meine, die viel optimistischere, wenn ich so banal sagen d\u00fcrfte, viel tollere Botschaft des Christentums gegen\u00fcber allen \u00f6stlichen Erleuchtungen und das ist auch besiegelt durch Jesus, und die Erfahrung, die wir mit ihm machen, wenn wir sein Leben, seinen Tod und, wie wir das nennen, seine Auferstehung anschauen, dann wissen wir tats\u00e4chlich: Ich kann beim ewigen unendlichen Gott ankommen, da ist es passiert und in Jesus ist es passiert, in einer letzten Solidarit\u00e4t mit mir armem Tropfen und peripheren Ph\u00e4nomen der Naturgeschichte. Und darum kann ich glauben, dass ich bei dem unendlichen Geheimnis Gottes ankomme, wenn ich mit Jesus meinen Tod entgegennehme. Und diese beiden Dinge, die ungeheuerliche Zuversicht, Gott selbst zu erreichen, und nicht irgendwo bloss in einer weiteren Evolutionsphase stecken zu bleiben und die Garantie, die Jesus und sein Schicksal gibt, dass diese ungeheuerliche Zuversicht realisiert wird und g\u00fcltig ist, diese beiden Dinge machen eigentlich das Christentum aus und wenn es Menschen gibt, denen Gott besser wie mir, diese selbe Gnade, diese doppelte Wahrheit zu glauben gegeben hat, dann geh\u00f6ren wir eben zusammen, dann feiern wir den Tod und die Auferstehung Jesu zusammen, dann sind wir Kirche, die gemeinsam bekennt und gemeinsam hofft und gemeinsam liebt. Weil wir alle Religionsunterricht gehabt haben, kann es vielleicht so aussehen, als ob das Christentum, gerade das katholisch kirchliche Christentum eine ungeheure Menge von Dingen sagt, einem indoktriniert und zu glauben befiehlt, in Wirklichkeit sagt das Christentum, das Selbstverst\u00e4ndlichste, das gleichzeitig unbegreiflich ist. In Deinem Leben ist immer schweigend mit allem andern zusammen, was Du bist, was Du erf\u00e4hrst, umfassend, bergend, liebend, das namenlose Geheimnis am Werk, durchdringt alles, ist Dir nahe, auch dort, wo Deine blinden Augen das \u00fcbersehen und Dir ist, dass Du da ankommst endg\u00fcltig und unwiderruflich, verheissen in Jesus Christus, unserem Herrn, dem Gekreuzigten, dem Du da in dieses Geheimnis des Todes folgen musst und dem Auferstandenen. Beides zusammen ist ein Christentum, das eigentlich sehr einfach ist, das in seinem eigentlichen Sinne nicht eine x-beliebige partikul\u00e4re Religion ist neben vielen andern, die man sich auch denken kann, sondern das alle diese partikul\u00e4ren M\u00f6glichkeiten von vornherein und endg\u00fcltig und in siegreicher Hoffnung \u00fcbergreift, allerdings in das unendliche Geheimnis Gottes hinein. Und wenn Sie in ihrem Leben den Eindruck haben, es wird finster, eine unendliche Nebelwand der Entt\u00e4uschung, der Erfahrung der Endlichkeit usw. kommt auf Sie, dann brauchen Sie nur richtig zu sagen: Da, wo scheinbar alles ins Wesenlose sich aufl\u00f6st, ist das Kommen Gottes Ereignis. Man muss es nur annehmen und man muss nur gleichsam Jesu Hand ergreifen und mutig hoffend in diese scheinbare Finsternis hineingehen, die die Helle des ewigen Lichtes ist. Christentum ist die gr\u00f6sste, die einfachste und darum die schwerste Sache, aber sie ist Ihnen eben ausdr\u00fccklich verbalisiert und institutionalisiert nahe gekommen und dadurch haben Sie sowohl eine ungeheure Chance, diesem ewigen Gott zu nahen, wie auch eine ungeheure Verantwortung, so klar, wie es Ihnen mindestens sein kann, ist der letzte Sinn, Ihres und aller Leben, sonst nirgends. Das ist Ihre besondere Gnade als Christ und Ihre besondere Verantwortung, der besondere Ernst Ihres Lebens.<\/p>\n<p>Warum bin ich ein Christ? Ich w\u00fcrde beinahe sagen, weil, wenn ich es richtig verstehe, ich eigentlich von der unbegreiflichen Nacht und Helligkeit und Liebe Gottes umfangen bin und so eigentlich gar nicht w\u00fcsste, wohin ich vor diesem mich so von allen Seiten, von unten und oben, umfangenden Geheimnis weg fliehen k\u00f6nnte. Immer wieder kann man mit dem Wort Petri, Jo 6, sagen: \u201cHerr, wohin sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!\u201c<\/p>\n<h3>Weitere Hinweise und Quellen<\/h3>\n<h4>Radio Vatikan<\/h4>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Radio-Vatikan-Radio-Akademie-Karl-Rahner-Warum-ich-ein-Christ-bin-Teil-I-1.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Radio Akademie Karl Rahner &#8211; Warum ich ein Christ bin &#8211; Teil I<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Radio-Vatikan-Radio-Akademie-Karl-Rahner-Warum-ich-ein-Christ-bin-Teil-II-1.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Radio Akademie Karl Rahner &#8211; Warum ich ein Christ bin &#8211; Teil II<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Radio-Vatikan-Radio-Akademie-Karl-Rahner-Warum-ich-ein-Christ-bin-Teil-III-1.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Radio Akademie Karl Rahner &#8211; Warum ich ein Christ bin &#8211; Teil III<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Radio-Vatikan-Radio-Akademie-Karl-Rahner-Warum-ich-ein-Christ-bin-Teil-IV-1.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Radio Akademie Karl Rahner &#8211; Warum ich ein Christ bin &#8211; Teil IV<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<h4>Karl Rahner Sammlung<\/h4>\n<ul>\n<li><a title=\"Karl Rahner Archiv M\u00fcnchen\" href=\"http:\/\/www.karl-rahner-archiv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karl Rahner Archiv M\u00fcnchen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/karl-rahner-stiftung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karl Rahner Stiftung<\/a><\/li>\n<li>\u21d2 <a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/?p=5031\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur\u00fcck zu Karl Rahner<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von Karl Rahner zur Frage &#171;Warum bin ich ein Christ?&#187; (Audio\u00a0 ganzer Vortrag h\u00f6ren? 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