{"id":5241,"date":"2012-12-13T22:15:45","date_gmt":"2012-12-13T21:15:45","guid":{"rendered":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=5241"},"modified":"2021-10-21T13:04:59","modified_gmt":"2021-10-21T11:04:59","slug":"erfahrungen-eines-katholischen-theologen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/website.ifit.li\/?p=5241","title":{"rendered":"Erfahrungen eines katholischen Theologen"},"content":{"rendered":"<h2>Die Mitte des Christentums ist die wirkliche Selbstmitteilung Gottes<\/h2>\n<p><img data-opt-id=2072823155  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-9504\" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:auto\/h:auto\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Kardinal-Ratzinger-und-Karl-Rahner-1975.jpg\" alt=\"https:\/\/www.karl-rahner-archiv.de\/karl-rahner\/bildergalerien\/ehrenpromotionen-preise\" width=\"600\" height=\"437\" srcset=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:600\/h:437\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Kardinal-Ratzinger-und-Karl-Rahner-1975.jpg 600w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:219\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Kardinal-Ratzinger-und-Karl-Rahner-1975.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/p>\n<p>Hochw\u00fcrdigste Herren Bisch\u00f6fe, lieber Herr Generalvikar von Freiburg, liebe Festg\u00e4ste, Verwandte und Freunde! Wenn hier jetzt von mir auch geredet werden soll, dann bitte ich Sie flehentlich, nicht zu denken, dass, weil eine Geburtstagsfeier f\u00fcr einen Achtzigj\u00e4hrigen veranstaltet wird, dieser gute Mann nun ganz besondere Regierungserkl\u00e4rungen, grossartige Lebensprogramme oder vielleicht auch Testamente von sich geben werde, das ist nicht der Fall und ich bitte Sie sehr herzlich, das zu bedenken.<\/p>\n<p>(Audio WMA h\u00f6ren? <a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Karl-Rahner-Erfahrungen-eines-katholischen-Theologen.wma\">Karl Rahner &#8211; Erfahrungen eines katholischen Theologen<\/a>)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach so vielen Laudationes direkter oder indirekter Art ist es mir etwas bange zu Mute, wenn ich jetzt auch selbst das Wort ergreifen soll, aber ich will es versuchen. Das Programm dieser Tagung k\u00fcndet als mein Thema an: \u201cErfahrungen eines katholischen Theologen\u201d. Ich meine damit weder sehr pers\u00f6nliche und intime Erfahrungen, die in eine eigentliche Biographie hinein geh\u00f6ren, die ich nie schreiben werde. Ich meine auch nicht in erster Linie kirchliche, kirchenpolitische oder klerikale Erfahrungen, die als meine mir zu unbedeutend erscheinen und darum heute auch nicht berichtet werden sollen. Ich meine Erfahrungen eines Theologen oder besser gesagt eines Menschen, der beauftragt war, ein Theologe zu sein, aber nicht so recht weiss, ob er diesem Auftrag gerecht geworden ist, wobei sich der Zweifel dar\u00fcber nicht einmal als von der allgemeinen menschlichen Unzul\u00e4nglichkeit n\u00e4hrt \u2013 das nat\u00fcrlich auch \u2013 als vielmehr von der \u00dcberforderung, die jedem theologischen Bem\u00fchen wesentlich innewohnt, weil es von der Unbegreiflichkeit Gottes reden muss.<\/p>\n<p>Wenn hier nun von Erfahrungen geredet werden soll, so soll dazu von vornherein festgestellt werden, dass es sich zwar um theologische Aussagen handelt, die irgendwie auch sachlich sein wollen, aber doch in der Auswahl und Behandlung eine Subjektivit\u00e4t gar nicht leugnen wollen, sondern sich freim\u00fctig zu einer solchen bekennen.<\/p>\n<h3>Theologische Aussagen sind analoge Aussagen (3:04)<\/h3>\n<p>Die erste Erfahrung, von der ich sprechen will, ist die Erfahrung, dass alle theologischen Aussagen, wenn auch noch einmal in verschiedenster Weise, in verschiedenstem Grad analoge Aussagen sind. An sich ist das eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. F\u00fcr jede katholische Theologie, wird auf irgendeiner Seite jeder katholischen Theologie ausdr\u00fccklich gesagt und ist vielleicht f\u00fcr einen Theologen seit Erich Pschywara noch selbstverst\u00e4ndlicher geworden. Aber ich meine, dieser Satz wir faktisch doch immer wieder bei den einzelnen theologischen Aussagen vergessen und das Erschrecken \u00fcber dieses Vergessen ist die Erfahrung, von der ich zu reden versuchen will.<\/p>\n<p>Ich fange ganz simpel an. F\u00fcr ein primitives schulm\u00e4ssiges Verst\u00e4ndnis des Begriffes der Analogie ist ein analoger Begriff \u2013 ich charakterisiere das sehr primitiv \u2013 dadurch gekennzeichnet, dass eine Aussage \u00fcber eine bestimmte Wirklichkeit mit Hilfe dieses Begriffes zwar legitim und unvermeidlich ist, aber in einem gewissen Sinne auch immer gleichzeitig zur\u00fcckgenommen werden muss, weil die blosse Zusage dieses Begriffes an die gemeinte Sache hin allein und ohne diese gleichzeitige R\u00fccknahme, ohne diese seltsame und unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein den wirklichen gemeinten Gegenstand verkennen w\u00fcrde und so letztlich irrig w\u00e4re. Aber diese geheime und unheimliche, zur Wahrheit einer analogen Aussage notwendige Zur\u00fccknahme wird meistens nicht deutlich gemacht und vergessen. Es ist hier nicht m\u00f6glich, eine eigentliche Erkenntnismetaphysik analoger Aussagen zu entwickeln und dabei der schulm\u00e4ssig naiven Meinung zu wehren, ein analoger Begriff sei eine hybride Kreuzung zwischen einem normal univoken und einem \u00e4quivoken Begriff, w\u00e4hrend doch f\u00fcr ein wahres Verst\u00e4ndnis der Analogie diese eine fundamentale Grundstruktur der menschlichen Erkenntnis bedeutet. Mir kommt es hier auf die zum Wesen der Analogie geh\u00f6rende und nur zu oft vergessene und sehr oft gar nicht im Einzelfall bedachte Zur\u00fccknahme der Zusage eines begrifflichen Inhaltes bei seiner bleibenden Zusage an. Das vierte Laterankonzil sagt ausdr\u00fccklich, man k\u00f6nne \u00fcber Gott von der Welt aus, also von jedwedem denkbaren Ausgangspunkt unserer Erkenntnis aus, nichts an Inhaltlichkeit positiver Art sagen ohne dabei eine radikale Unangemessenheit dieser positiven Aussage mit der gemeinten Wirklichkeit selbst anzumerken. Aber im praktischen Betrieb der Theologie vergessen wir das immer wieder. Wir reden von Gott, von seiner Existenz, von seiner Pers\u00f6nlichkeit, von drei Personen in Gott, von seiner Freiheit, seinem uns verpflichtenden Willen und so fort. Wir m\u00fcssen dies selbstverst\u00e4ndlich. Wir k\u00f6nnen nicht bloss von Gott schweigen. Wir k\u00f6nnen nicht bloss schweigen, weil man dies nur wirklich kann, wenn man zuerst geredet hat. Aber bei diesem Reden vergessen wir dann meistens, dass eine solche Zusage immer nur dann einigermassen legitim von Gott ausgesagt werden kann, wenn wir sie gleichzeitig auch immer wieder zur\u00fccknehmen, die unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzig festen Punkt unserer Erkenntnis aushalten und so unsere Aussagen immer auch wieder hineinfallen lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes selber. Wenn auch unsere theoretischen Aussagen noch einmal mit uns selber zusammen unser existentielles Schicksal teilen, das Schicksal einer liebend vertrauenden Hingabe unserer selbst, an die undurchschaubare Verf\u00fcgung Gottes, an sein Gnadengericht, an seine heilige Unbegreiflichkeit. Ich meine, ich hoffe, dass kein Theologe das eben Gesagte oder das was mit diesem eben Gesagten gemeint ist, ernsthaft bestreiten wird. Aber wie sehr ist das gleichzeitig bei uns Theologen meist nur ein einzelner formaler Satz, der irgendwo in unserer Theologie auch gesagt wird. Wie wenig ist diese theologische Selbstverst\u00e4ndlichkeit etwas, das wie eine Entelechie wirklich radikal und unerbittlich unsere gesamte Theologie mit allen ihren Aussagen durchdringt, wie sehr klingen unsere Aussagen von den Kathetern und auch von den Kanzeln und auch aus den geheiligten Dikasterien der Kirche so, dass man nicht gerade deutlich merkt, sie seien durchzittert von der letzten kreat\u00fcrlichen Bescheidenheit, die weiss, dass der wirklich allein von Gott reden kann und darf, der weiss, dass alles Reden nur der letzte Augenblick vor jenem seligen Verstummen sein kann, das auch noch einmal die Himmel der klaren Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht f\u00fcllt. Man kann gewiss nicht jedes Mal zu jedem theologischen Satz ausdr\u00fccklich hinzuf\u00fcgen, er sei bloss analog gemeint und es sei dabei eigentlich eine gr\u00f6ssere Ungleichheit zu der ausdr\u00fccklich ausgesagten Gleichheit anzumelden, aber man m\u00fcsste doch eben in der Theologie deutlicher merken, dass man bei den einzelnen Aussagen nicht immer wieder vergessen darf, was man irgendwo allgemein und abstrakt behauptet von der Analogheit aller theologischen Begriffe. Wenn man den gemeinten theologischen Grundsatz, dieses theologische Grundaxiom, wirklich radikal realisieren w\u00fcrde, dann m\u00fcsste dem H\u00f6rer dieser theologischen Aussagen deutlich werden, welch ungeheure Dimensionen der g\u00f6ttlichen und kreat\u00fcrlichen Wirklichkeit von solchen unseren Aussagen gar nicht wirklich inhaltlich erf\u00fcllt sind, sondern stumm, leer bleiben. Wir sagen zum Beispiel mit dem Tod kommt der Mensch in seiner Endg\u00fcltigkeit seiner sittlichen Verfassung, seines Verh\u00e4ltnisses zu Gott, kommt vor das Gericht Gottes. Das alles ist wahr, aber es sagt von der gemeinten Wirklichkeit in einer teils sehr formal abstrakten Weise, teils in r\u00fchrend naiven Vorstellungen unendlich wenig \u00fcber die Konkretheit dessen aus, was damit gemeint ist. Man sollte gewiss diese eben angesprochenen Leerr\u00e4ume unseres Wissens und Glaubens nicht mit den Naivit\u00e4ten eines modernen Spiritismus ausf\u00fcllen, schon darum nicht, weil solche Ausf\u00fcllungen dann faktisch h\u00f6chst uninteressant ausfallen. Aber man sollte eben wissen, dass mit solchen Aussagen auch bekannt wird und gleichzeitig vergessen gemacht wird, dass in sehr vieler Hinsicht solche Aussagen Leerr\u00e4ume f\u00fcr uns er\u00f6ffnen und zugleich verschleiern, obwohl sie in sich erf\u00fcllt sind und uns unbekannt bleiben.<\/p>\n<p>Was heisst es zum Beispiel sachlich: Der Menschensohn werde auf den Wolken des Himmels wiederkommen? Was heisst es, dass er sich in den Gestalten der Eucharistie mit Fleisch und Blut uns wahrhaft gibt? Was heisst es, dass der Papst unfehlbar ist in Kathedralentscheidungen? Was heisst es, dass es eine ewige H\u00f6lle gibt? \u00dcberhaupt, dass man im Ernst mit seiner winzigen Kreat\u00fcrlichkeit etwas mit der grenzenlosen unsagbaren Wirklichkeit Gottes selber \u00fcber alle unendlichen Distanzen hinweg zu tun haben k\u00f6nne? In der Theologie sagt man vieles und dann h\u00f6rt man auf und meint, eigentlich gegen seine eigenen Grund\u00fcberzeugungen, dass man wirklich jetzt am Ende sei und aufh\u00f6ren k\u00f6nne, dass die Voraussagen, die man gemacht hat, die allen metaphysischen und existentiell radikalen Durst stillenden Aussagen seien und nicht \u2013 wie es in Wahrheit ist \u2013 die Aufforderung zu merken, dass man mit all diesen Aussagen doch nur in jene antwortlose Aporie geraten sei, die nach Paulus 2 Kor 4, 8 (\u201cIn allem sind wir bedr\u00e4ngt, aber nicht erdr\u00fcckt, im Zweifel, aber nicht in Verzweiflung, 9 verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht umgebracht.\u201d) die Existenz des Menschen ausmacht. Ich m\u00f6chte hier und kann hier \u00fcber die Unbegreiflichkeit Gottes und damit \u00fcber die wahre Sache der Theologie nicht ausf\u00fchrlicher reden, ich m\u00f6chte nur die Erfahrung bezeugen, dass der Theologe erst dort wirklich einer ist, wo er nicht beruhigt meint, klar und durchsichtig zu reden, sondern die analoge Schwebe zwischen Ja und Nein \u00fcber der Unbegreiflichkeit Gottes erschreckt und selig zugleich erf\u00e4hrt und bezeugt. Und ich m\u00f6chte nur bekennen, dass ich als einzelner armer Theologe bei aller meiner Theologie zu wenig an diese Analogheit aller meiner Aussagen denke. <strong><span style=\"color: #ff0000;\">Wir halten uns zu sehr in der Rede \u00fcber die Sache auf und vergessen bei all dieser Rede im Grunde die beredete Sache selber.<\/span><\/strong><\/p>\n<h3>Mitte des Christentums ist die wirkliche Selbstmitteilung Gottes (15:06)<\/h3>\n<p>Ein zweite Erfahrung, die sich aus der eben genannten von selbst ergibt, ist die Erfahrung, dass wir in unserer Theologie faktisch oft oder fast immer die eigentliche Mitte dessen vergessen, wor\u00fcber wir eigentlich zu reden haben. Seit dem zweiten Vatikanischen Konzil wird zwar viel \u00fcber die Hierarchie der Wahrheiten der christlichen Botschaft geredet. Faule und kurzsichtige Theologen werden, wenn sie bei einer Einzelfrage in ihrer Theologie in Schwierigkeiten geraten, gerne zur Ausflucht greifen, es komme bei dieser oder jener Einzelfrage nicht so genau drauf an, was wahr und was falsch ist. Aber was eigentlich die wirkliche Mitte der christlichen Botschaft sei, dar\u00fcber denken wir nat\u00fcrlich nicht nicht nach, aber viel zu wenig nach. Man kann nat\u00fcrlich und mit Recht sagen, diese Mitte sei Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte und Auferstandene nach dem wir Christen uns doch nennen. Aber wenn das wahr ist und hilfreich sein soll, dann muss doch genau gesagt werden, worum und wie dieser Jesus der sei, auf den man allein sich im Leben und Sterben verlassen k\u00f6nne. Was muss man aber auf diese Frage antworten? Wenn diese Antwort nicht das Bekenntnis w\u00e4re, dass die eigentliche Selbstmitteilung des unendlichen Gottes \u00fcber alle kreat\u00fcrliche Wirklichkeit und endliche Gabe Gottes hinaus das sei, was durch Jesus und ihn allein uns zugesagt, angeboten und garantiert ist, dann k\u00f6nnte die Wirklichkeit Jesu, weil sie ja in sich und in ihrer Botschaft im Endlichen und Kontingenten bliebe, vielleicht eine, vielleicht die beste, eben die jesuanische Religion begr\u00fcnden, aber nicht die absolute, jedem Menschen im Ernst zudenkbare Religion sei.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5243\" aria-describedby=\"caption-attachment-5243\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img data-opt-id=515975336  fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5243 size-medium\" src=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:169\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Sunrise-Over-the-South-Pacific-Ocean.png\" alt=\"Sunrise Over the South Pacific Ocean - NASA 2013\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:300\/h:169\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Sunrise-Over-the-South-Pacific-Ocean.png 300w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1024\/h:576\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Sunrise-Over-the-South-Pacific-Ocean.png 1024w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:500\/h:281\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Sunrise-Over-the-South-Pacific-Ocean.png 500w, https:\/\/ml2mintiuscj.i.optimole.com\/w:1920\/h:1080\/q:mauto\/f:best\/https:\/\/website.ifit.li\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Sunrise-Over-the-South-Pacific-Ocean.png 1920w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5243\" class=\"wp-caption-text\">Sunrise Over the South Pacific Ocean is an Image of NASA&#8217;s Day Gallery &#8211; 2013<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die eigentliche und einzig Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist darum f\u00fcr mich die wirkliche Selbstmitteilung Gottes in seiner eigensten Wirklichkeit und Herrlichkeit an die Kreatur, ist das Bekenntnis zu der unwahrscheinlichsten Wahrheit, dass Gott selbst mit seiner unendlichen Wirklichkeit und Herrlichkeit, Heiligkeit, Freiheit und Liebe wirklich ohne Abstrich bei uns selbst in der Kreat\u00fcrlichkeit unserer Existenz ankommen kann und alles andere, was das Christentum anbietet oder von uns fordert, demgegen\u00fcber nur Vorl\u00e4ufigkeit oder sekund\u00e4re Konsequenz ist. Man kann nat\u00fcrlich, was ich meine ganz anders ausdr\u00fccken. W\u00fcrde ich das leugnen, w\u00fcrde ich dem widersprechen, was ich eben \u00fcber die Analogheit aller theologischen Aussagen gesagt habe. Aber f\u00fcr mich w\u00e4re aller noch so fromme Jesuanismus, alles Engagement f\u00fcr Gerechtigkeit und Liebe in der Welt, aller Humanismus, der Gott f\u00fcr den Menschen verbrauchen will und den Menschen nicht in den Abgrund Gottes hineinst\u00fcrzt, Religion eines unbegreiflich bescheidenen Humanismus, der uns einfach vor der ungeheuerlichen Gewalt der Liebe Gottes, in der Gott wirklich selber aus sich selber ger\u00e4t, verboten ist.<\/p>\n<p>(19:22) <strong><span style=\"color: #ff0000;\">Wir k\u00f6nnen nur entweder alles, n\u00e4mlich Gott in seiner reinen Gottheit wollen oder wir sind verdammt, d.h. begraben in dem Kerker unserer Endlichkeit<\/span><\/strong>.<\/p>\n<p>Man kann nat\u00fcrlich in einer katholischen Theologie dar\u00fcber spekulieren, ob eine reine Natur in sich selber unter der fernen Oberhoheit Gottes m\u00f6glich und vollendet sein k\u00f6nne. In Wahrheit aber ist die Wirklichkeit so: gerade durch die Unerbittlichkeit der Gnade, dass wir entweder in unserer Endlichkeit ersticken oder dort ankommen, wo Gott als solcher selber ist. Man kann zwar meinen die n\u00fcchterne Feststellung machen zu k\u00f6nnen, dass \u2013 vielleicht von ein paar Heiligen abgesehen \u2013 dieser Durst des Absoluten, die Unerbittlichkeit des Unbedingten, die Ekstase des endlichen Geistes in Gott hinein bei den banalen Menschen gar nicht zu finden sei. Aber wenn auch die Theologie bei uns meist nur nachdenkt, wie die kirchlich und sakramental Betreuten vor das Angesicht Gottes selber kommen, m\u00fcsste diese Theologie sehr viel mehr dar\u00fcber nachdenken wie man sich einigermassen die Odyssee aller Menschen \u2013 auch der primitivsten \u2013 vor einer Million Jahren, auch der Nichtchristen und selbst der Atheisten so denken k\u00f6nne, dass diese Odyssee in Gott selber m\u00fcndet. Man kann nat\u00fcrlich \u2013 ich empfinde es ein wenig billig und bequem \u2013 sagen dieses \u00fcberall bei allen Menschen und zu allen Zeiten m\u00f6gliche, wirkliche g\u00f6ttliche Heil geschehe auf Wegen, die Gott allein kenne. Das ist so wahr, dass ich es auch f\u00fcr mich mit aller christlichen Theologie letztlich der unerforschlichen Verf\u00fcgung Gottes \u00fcberlassen muss durch welche Ritzen in dem entsetzlichen Betonbunker des Egoismus er mit seiner befreienden Liebe wirklich einzudringen vermag. Aber in einem Zeitpunkt, an dem das Christentum wirklich real so verfasst sein kann und muss, dass es den Menschen in allen Kulturen und zu allen Zeiten angeboten werden kann, dass es ernsthaft ihre Religion solle werden k\u00f6nnen, muss eben doch \u00fcber das anonyme Christentum \u00fcberall und zu allen Zeiten nachgedacht werden, auch wenn mir an dem umstrittenen Wort als solchem gar nichts liegt. Es mag \u2013 wer weiss \u2013 eine ungeheuerliche Anmassung der Kreatur sein, wenn ein Einzelner sich nicht retten lassen will, ohne dass er s\u00e4he, wie sein N\u00e4chster gerettet werde. Es kann aber auch ein sublimer, letztlich von jedem Christen geforderter Akt seiner N\u00e4chstenliebe sein, wenn er eigentlich nur in der Hoffnung f\u00fcr alle f\u00fcr sich selber hofft und darum auch dar\u00fcber nachdenkt, wie die Gnade Gottes, die letztlich Gott selber in seiner Selbstmitteilung ist, wirklich \u00fcber alles Fleisch und nicht nur \u00fcber ein paar sakramental Gezeichnete ausgegossen ist. Ich meine, dass es einem christlichen Theologen weiterhin nicht verboten ist, das Thema der S\u00fcndigkeit des Menschen und der Vergebung der Schuld aus reiner Gnade gegen\u00fcber dem Thema der radikalen Selbstmitteilung Gottes in einem gewissen Sinne etwas sekund\u00e4rer zu empfinden, nicht als ob wir nicht in unserem Egoismus immer wieder neu verrannte S\u00fcnder seien, nicht als ob wir nicht der vergebenden Gnade Gottes bed\u00fcrften, die von uns ohne jeden Anspruch unsererseits als reine Gnade entgegen genommen werden muss, nicht als ob es nicht selbstverst\u00e4ndlich sei, dass die Selbstmitteilung Gottes faktisch sich immer als vergebende ereignet, nicht als ob die radikale Erfahrung unserer von uns aus hoffnungslosen S\u00fcndigkeit, in der wir zun\u00e4chst unsere Freiheit konkret erfahren, nicht konkret nach dem Zeugnis der christlichen Erfahrung aller Zeiten immer die konkrete Situation w\u00e4re, in der ein Mensch wirklich nach Gott auszulangen beginnt. (25) Aber wenn wir heute sehen, wie schwer die Rechtfertigung als Vergebung der S\u00fcnde allein heute bei den Menschen ankommt, wenn \u00fcberdies f\u00fcr einen katholischen Theologen Gott und seine Zusage seiner selbst an den Menschen wie immer sie genauer verstanden werden mag, schon im voraus zur S\u00fcnde reine Gnade ist, reines unerwartetes Wunder Gottes, der sich selber wegverschwendet und das Abenteuer einer solchen Liebe zu seiner eigenen Geschichte macht, dann meine ich darf man ruhig die Selbstmitteilung Gottes an die Kreatur als zentraleres Thema denn S\u00fcnde und Vergebung empfinden. Ich weiss, dass ein solcher Satz noch einmal h\u00f6chst problematisch ist, besonders wenn er vor das Tribunal der Schrift gestellt wird. Aber wenn wir ja im Grunde gar nicht anders als in der Dimension der g\u00f6ttlichen Liebe zum S\u00fcnder \u00fcber die S\u00fcnde nachdenken k\u00f6nnen, gibt es mindestens auch die Gefahr der Hybris, die S\u00fcnde zu ernst zu nehmen, zu vergessen, dass vielleicht gerade das, was uns an der F\u00fcrchterlichkeit der Menschheitsgeschichte am meisten erschreckt, trotz allem mehr Ergebnis der Kreat\u00fcrlichkeit des Menschen in seiner unschuldigen Dummheit, Schw\u00e4che und Triebhaftigkeit ist als die eigentliche S\u00fcnde, die vor dem Gericht Gottes wirklich zu verantworten ist. Und somit meine ich doch aus durchaus christlicher Sicht und nicht von einem eingebildeten Humanismus her, es d\u00fcrfe der Glaube an die Selbstmitteilung Gottes in freier Gnade, etwas dem Bekenntnis zur S\u00fcndigkeit des Menschen vorgeordnet werden. Es ist nach Ausweis der Geschichte des Glaubensbewusstseins eindeutig, dass in diesem Bewusstsein Geschichte, Ver\u00e4nderungen und Akzentverschiebungen geschehen. Wenn man seit den Zeiten des Historismus das nun auch ausdr\u00fccklich weiss und solche Ver\u00e4nderungen eben nicht nur faktisch tut und erleidet, dann kann man doch wohl heute auch das reflektierte Recht zu solchen Akzentverschiebungen in Anspruch nehmen und braucht sich darin nicht immer durch einen sterilen Rekurs auf die so genannte Tradition irre machen. Man kann dann der Meinung sein, mit solchen Akzentverschiebungen die christliche Botschaft heute plausibler und wirksamer ausrichten zu k\u00f6nnen. Im Zusammenhang unseren heutigen \u00dcberlegungen kommt es jetzt nicht eigentlich darauf an, die christliche Wirklichkeit als solche zu nennen und zu beschreiben, sondern etwas von der Erfahrung zu sagen, die man \u2013 nat\u00fcrlich sehr subjektiv \u2013 von dieser Wirklichkeit gemacht hat. Und so sei hier \u2013 wenn auch ein wenig \u00e4ngstig \u2013 eingestanden, dass in meiner Theologie in einer sicher sehr problematischen Weise das Thema der S\u00fcnde und der S\u00fcndenvergebung gegen\u00fcber dem Thema der Selbstmitteilung Gottes ein wenig im Hintergrund steht. Aber, wenn man das so zugesteht, dass man nicht alle denkbaren Erfahrungen eines christlichen Menschen in seiner eigenen begrenzten Subjektivit\u00e4t gleichm\u00e4ssig realisieren kann, dann kann man doch den, der einem dies ankreidet fragen, ob er in seiner doch auch unweigerlich subjektiven Theologie nicht auch Defizite in Kauf nehmen m\u00fcsse, um das, worauf es ihm ankommt, deutlich sagen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Theologie treiben in einer m\u00f6glichst breiten Konfrontation und m\u00f6glichst breitem Dialog (29:50)<\/h3>\n<p>Eine dritte ebenso willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlte Erfahrung sei genannt. Wenn ein Theologe fr\u00fcher als Ordensmann, (30) als Angeh\u00f6riger einer bestimmten spirituell geformten Familie im Unterschied zu andern Theologie trieb, dann war diese Theologie sehr unmittelbar und greifbar gepr\u00e4gt von einer ganz bestimmten Ordenstheologie. Die grossen Orden wie die Benediktiner, die Dominikaner, die Franziskaner und die Jesuiten hatten je ihre eigene als solche reflektierte Theologie. Sie pflegten sie, sie unterschieden sie von anderen, sie hatten, von der Kirche approbiert, ihre grossen \u2013 Kirchenlehrer genannt \u2013 Schulh\u00e4upter. Sie waren stolz auf je ihre eigene Theologie. Dagegen ist grunds\u00e4tzlich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, dass diese Unterschiede nicht \u2013 wie es fr\u00fcher oft vorkam \u2013 zu stur und parteilich gef\u00fchrten Schulstreitigkeiten f\u00fchrten, in denen mehr Worte als Sinn geboten wurde. Heute \u2013 meine ich \u2013 ist das nicht mehr so m\u00f6glich wie fr\u00fcher. Von meinem Ordensrecht her m\u00fcsste ich zum Beispiel ein Anh\u00e4nger der so genannten Scientia media sein und m\u00fcsste von daher die Gnadenlehre des Thomismus, so wie sie in der Zeit des Barock vertreten wurde, verwerfen und bek\u00e4mpfen. Solche eindeutig gepr\u00e4gten Ordenstheologien gibt es aber wohl heute nicht mehr und kann sie nicht mehr geben. Die Fragestellung, das theologische Material mit dem man arbeiten muss, das Gewicht einer heutigen biblischen Theologie, die Ergebnisse einer sachlicheren Dogmen- und Theologiegeschichte machen bei vern\u00fcnftigen Leuten es einfach unm\u00f6glich als Ordensmann einfach der Anh\u00e4nger einer deutlichen und \u00fcberlieferten Ordensschultheologie zu sein. Die wirklichen Unterschiede in der Theologie, die es nat\u00fcrlich heute erst recht gibt, gehen heute quer durch die Orden. Das bedeutet aber \u2013 so selbstverst\u00e4ndlich es ist \u2013 noch l\u00e4ngst nicht, dass die Theologie eines Ordensmannes nicht mit der Eigent\u00fcmlichkeit des Lebens und der Spiritualit\u00e4t seines Ordens zu tun habe. Ich zum Beispiel hoffe, dass mein grosser Ordensvater Ignatius von Loyola mir zubilligt, dass in meiner Theologie so ein klein wenig von seinem Geist und seiner ihm eigenen Spiritualit\u00e4t merkbar ist \u2013 hoffe es wenigstens. Ich bin sogar der etwas unbescheidenen Meinung, dass in diesem oder jenem Punkt ich n\u00e4her bei Ignatius stehe als die grosse Jesuitentheologie der Barockzeit, die nicht immer, auch nicht in wichtigeren Punkten eines legitimen Existentialismus des Ignatius, wenn man das so nennen kann, nicht gen\u00fcgend gerecht geworden ist. Wenn mir der kommunistische Ignatius Silone zu einem fr\u00fcheren Geburtstag eines seiner B\u00fccher widmete mit dem handschriftlichen Motto: \u201cUnum in una spes: libertas!\u201d dann kann ich vielleicht ja als Jesuit daran denken, dass in dem n\u00fcchternen grandiosen Schlussgebet der Exerzitien, dort wo Ignatius sich ganz und restlos Gott anheim gibt, die Freiheit vor dem augustinischen Trinat: Ged\u00e4chtnis, Verstand, Wille rangiert. (34:27) Ich glaube nicht, dass das nur ein Zufall der Wortwahl und der Rhetorik war, ich glaube aber nicht, dass die traditionelle Jesuitentheologie dies ganz ernst genommen habe, ich weiss auch nicht, ob dies in meiner Theologie wirklich ein wenig besser geworden sei, aber ich habe vielleicht es doch ein wenig versucht. Jedenfalls f\u00fchle ich mich auch als Jesuit nicht einer engen Schultheologie verpflichtet noch weniger einer bestimmten Schulphilosophie, aber aufs Ganze habe ich auch die von Mareschall her interpretierte thomistische Philosophie mehr gesch\u00e4tzt als den Suaresianismus, in dem ich zun\u00e4chst aufgewachsen war. Nat\u00fcrlich kann man einer solchen heutigen Philosophie und Theologie, wie ich sie zu betreiben versuchte, den Vorwurf machen, man sei \u00fcber einen Eklektizismus nicht hinausgekommen. Aber wo gibt es in der Welt eine systematische Philosophie und Theologie, die man nicht darum des Eklektizismus verd\u00e4chtigen k\u00f6nnte, weil sie ja nachweislich Quellen verschiedenster Herkunft hat und wie k\u00f6nnte man heute Theologie anders treiben als in einer m\u00f6glichst breiten Konfrontation und m\u00f6glichst breitem Dialog mit all der heute ungeheuer differenzierten Vielfalt anthropologischer Wissenschaften. Wie kann dann aber eine solche Theologie, die \u00fcberall zuzuh\u00f6ren versucht und von \u00fcberall her lernen will den Vorwurf des Eklektizismus vermeiden. Nat\u00fcrlich weiss ich, dass in meiner Theologie vielleicht sehr vieles gar nicht eindeutig und klar zusammenpasst, was ich in ihr gesagt habe, weil ein Mensch bei dem urspr\u00fcnglichen Pluralismus der Quellen seines Wissens gar nicht in der Lage ist, eine ad\u00e4quate und allseitige Reflexion auf die Koh\u00e4renz seiner S\u00e4tze durch zu f\u00fchren. Ein Theologe kann daher seine Freunde und seine Gegner nur bitten, seiner Theologie mit gn\u00e4digem Wohlwollen zu begegnen, Ans\u00e4tze, Grundtendenzen, Fragestellungen wichtiger zu nehmen als die so genannten Ergebnisse, die ja schliesslich nie wirklich endg\u00fcltig sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Die Inkongruenz der Theologie mit den \u00fcbrigen Wissenschaften (37:22)<\/h3>\n<p>Eine vierte und letzte Erfahrung sei gemeint auch wenn sie vielleicht schon in den bisher genannten Erfahrungen steckt und gewiss f\u00fcr die Theologie als solche nicht die wichtigste ist. Ich meine die Inkongruenz der Theologie mit den \u00fcbrigen Wissenschaften. Ich meine damit jetzt keine subtile Frage einer theologischen Erkenntnistheorie oder der allgemeinen Wissenschaftslehre. Ich meine die schlichte Tatsache, dass ich von dem, was in allen Wissenschaften aber auch in allen anderen \u00c4usserungen der Dichtung, der Musik, der bildenden Kunst und sogar der Menschheitsgeschichte \u00fcberhaupt an Erfahrung und Wissen vom Menschen pr\u00e4sent ist, von mir nur in einem entsetzlich kleinen Teil wirklich erfahren wurde. Und ich weiss das, obwohl ich als Theologe eigentlich das alles wissen m\u00fcsste. Wenn ich als Theologe nicht eigentlich bloss mit einem abstrakten Begriff von Gott arbeite, sondern ihn selber anzielen will, dann d\u00fcrfte mir schlechterdings nichts von dem uninteressant sein, wodurch er sich als Sch\u00f6pfer der Welt, als Herr der Geschichte geoffenbart hat. Man kann zwar ganz fromm behaupten, dass alles f\u00fcr mein Heil Wichtige in der Heiligen Schrift stehe und man dar\u00fcber hinaus nichts zu wissen n\u00f6tig habe. Aber wenn ich Gott um seiner selbst willen und nicht nur als mein Heil f\u00fcr mich lieben muss um ihn \u00fcberhaupt zu finden, dann kann ich mein Interesse gar nicht auf die Schrift allein begrenzen, dann ist alles, wodurch sich Gott in der Welt der Kreaturen vernehmen liess f\u00fcr mich interessant und zwar gerade auch f\u00fcr den Theologen als solchen, der intellektuell in der Theorie die Sprengung eines falschen Heilsegoismus vornehmen soll. Aber von all dem, was ich darum gern wissen w\u00fcrde, weiss ich fast nichts. Alle menschlichen Erfahrungen in allen Wissenschaften, K\u00fcnsten und Geschichtsereignissen reden f\u00fcr den Theologen von Gott und der einzelne Theologe weiss fast nichts von diesen Erfahrungen. Darum ist seine Theologie bei allem existentiellen Engagement, auf das man sich so gerne beruft, so abstrakt, so blutleer, so fern von dem, was zeigt, was die Welt und der Mensch sind. Gewiss hat der Theologe letztlich nur eines zu sagen. Aber dieses eine Wort m\u00fcsste erf\u00fcllt sein mit der geheimen Essenz aller Wirklichkeit. Aber jedes Mal wenn ich irgendein Werk irgendeiner der modernen Wissenschaften aufschlage, gerate ich als Theologe in eine nicht ganz gelinde Panik. Ich weiss das allermeiste von dem, was da geschrieben ist, nicht und ich bin sogar meist ausser Stande, genauer zu verstehen, was da zu lesen ist. Und so f\u00fchle ich mich auch als Theologe irgendwie desavouiert. Die blasse Abstraktheit und Leere meiner theologischen Begriffe kommt mir erschreckend zum Bewusstsein. Ich sage: die Welt ist von Gott geschaffen, aber was Welt ist, davon weiss ich fast gar nichts und darum bleibt auch der Begriff der Sch\u00f6pfung so seltsam leer. Ich sage als Theologe: Jesus ist auch als Mensch der Herr der gesamten Sch\u00f6pfung und dann lese ich, dass der Kosmos Milliarden von Lichtjahren sich ausdehnt und frage mich dann erschreckt, was eigentlich der eben gesagte theologische Satz bedeute. Paulus wusste noch, in welcher Sph\u00e4re er die Engel ansiedeln wolle, ich weiss es nicht (Lachen der Zuh\u00f6rer). Ich frage mich erschreckt, ob denn das ewige Reich Gottes so ungef\u00e4hr zur H\u00e4lfte mindestens mit Seelen erf\u00fcllt sei, die nie zu einer personalen Lebensgeschichte gelangt sind, weil nach normaler kirchlicher Leere, die personal geistige und unsterbliche Seele schon bei der ersten Befruchtung des Eies durch das Sperma gegeben sei und andererseits nicht vorstellbar sei, wie die unz\u00e4hligen nat\u00fcrlichen Aborte mit einer auch noch so anf\u00e4nglichen personalen Freiheitsgeschichte vereinbar sei. Ich frage mich, wie man sich genauer die Urmenschheit vor zwei Millionen Jahren als die ersten Subjekte einer Heils- und Offenbarungsgeschichte denken k\u00f6nne und weiss keine sehr deutliche Antwort. Ich lasse mich von der profanen Anthropologie belehren, dass die Unterscheidung von Leib und Seele vorsichtiger gemacht und problematisch bleibe und kann darum die Lehre von Humani generis, dass der menschliche Leib aus dem Tierreich stamme, aber die Seele von Gott geschaffen sei nicht mehr so dualistisch interpretieren wie sie doch zun\u00e4chst klingt. Ich frage mich, was das eine reale Bedeutung haben k\u00f6nne, ob ein Papst aufh\u00f6ren k\u00f6nne Papst zu sein durch eine Krankheit, die ihn entm\u00fcndigt. Und so k\u00f6nnt\u2019 ich noch lange noch lange noch lange weiterfragen mit Problemen, die die modernen Wissenschaften der Theologie aufgeben ohne dass sie dazu sehr deutliche Antworten schon gefunden hat oder vielleicht finden kann. Aber dann doch mindestens dar\u00fcber nachdenken m\u00fcsste, warum sie mit Recht bescheiden sagen kann, dass sie nicht alle Fragen, die ein Mensch in Geist und Herz hat, l\u00f6sen k\u00f6nne. Wie ist es zum Beispiel weiter mit der eindeutigen Stabilit\u00e4t der menschlichen Natur, die von der Lehre \u00fcber die moralischen Naturgesetze von der Kirche vorausgesetzt wird, wenn man das menschliche Wesen mit seiner doch gewordenen und ver\u00e4nderlichen genetischen Erbmasse in die Evolutionsgeschichte hineinstellt? Erschreckt man dann nicht manchmal vor dem Klang kirchlicher Moralverk\u00fcndigung durch deren Eindeutigkeit und Unver\u00e4nderlichkeit, die doch in dem menschlichen Wesen gar nicht so leicht zu finden sind? Der Theologe kann und muss in dieser Situation vorsichtig und bescheiden sein. Er muss nat\u00fcrlich dennoch den Mut haben, seine Botschaft auszurichten und zu seiner \u00dcberzeugung zu stehen. Er kann sich vielleicht dabei ein wenig mit der Beobachtung tr\u00f6sten, dass in den Naturwissenschaftlern selbst auch keine eindeutige Synthese gelingt zwischen dem, was sie als Naturwissenschaftler selber methodisch postulieren f\u00fcr ihre Arbeit und dem, was sie \u00fcber ihren naturwissenschaftlichen Monismus hinaus dennoch an sich selber insgeheim als Freiheit, Verantwortung und Frage \u00fcber das Einzelne hinaus erfahren. Wenn so der Theologe die bitteren Erfahrungen seines Nichtwissens macht, dann k\u00f6nnte er, wenn er diese Erfahrung mutig und unbefangen annimmt f\u00fcr die \u00fcbrigen Wissenschaften Beispiel und Antrieb sein, ihre Wissenschaften aus derselben Haltung der Bescheidenheit und Selbstbegrenzung zu betreiben, so dass die Spannungen zwischen den Wissenschaften zwar nicht nur nicht beseitigt, sondern, weil eingestanden, sogar versch\u00e4rft sind, aber der unvermeidliche Streit der Wissenschaften unter einander und mit der Theologie doch umfasst w\u00e4re von jenem Frieden, der unter denen herrschen kann, die alle, jeder in seiner Weise, das Geheimnis ahnen und erleiden, das wir Gott nennen.<\/p>\n<p>Nun g\u00e4be es noch sehr viele Erfahrungen zu berichten und die berichteten sind gewiss nicht die wichtigsten. Ich k\u00f6nnte erz\u00e4hlen von meinen Erfahrungen mit meinen Kollegen auf den Universit\u00e4ten von Innsbruck, M\u00fcnchen und M\u00fcnster, ich k\u00f6nnte sprechen von meinen Erfahrungen von 62 Jahren in meinem Orden als Jesuit, ich k\u00f6nnte freundliche und weniger erfreuliche Erinnerungen ausgraben, an r\u00f6mische Erlebnisse und so fort (das Publikum lacht). Ein Leben ist ja reich, auch wenn es im Alter hinter dem Nebel des Vergessens verschwindet.<\/p>\n<h3>Erfahrung der Erwartung des Kommenden (48:08)<\/h3>\n<p>Aber ich will nun noch von einer Erfahrung etwas zu sagen versuchen, von einer Erfahrung, die quer zu allem bisher berichteten liegt und darum nicht mit diesen mitgez\u00e4hlt werden kann. Ich m\u00f6chte noch etwas sagen von der Erfahrung der Erwartung des Kommenden. Wenn wir als Christen das ewige Leben bekennen, das uns zu Teil werden soll, ist diese Erwartung des Kommenden zun\u00e4chst keine besonders seltsame Sache. Gew\u00f6hnlich spricht man ja mit einem gewissen salbungsvollen Pathos \u00fcber die Hoffnung des ewigen Lebens und fern sei mir so etwas zu tadeln, wenn es ehrlich gemeint ist. Aber mich selber \u00fcberkommt es seltsam, wenn ich so reden h\u00f6re. Mir will scheinen, dass die Vorstellungsschemen, mit denen man sich das ewige Leben zu verdeutlichen sucht, meist wenig zu der radikalen Z\u00e4sur passen, die doch mit dem Tod gegeben ist. Man denkt sich das ewige Leben, das man schon seltsam als jenseitig und nach dem Tod weitergehend bezeichnet zu sehr ausstaffiert mit Wirklichkeiten, die uns hier vertraut sind als Weiterleben, als Begegnung mit denen, die uns hier nahe sind, als Freude und Friede, als Gastmahl und Jubel und all das und \u00c4hnliches, nie aufh\u00f6rend und weitergehend immer und immer. Ich f\u00fcrchte, die radikale Unbegreiflichkeit dessen, was mit dem ewigen Leben wirklich gemeint ist, wird verharmlost und was wir unmittelbare Gottesschau im ewigen Leben nennen, wird herabgestuft zu einer erfreulichen Besch\u00e4ftigung neben anderen, die dieses Leben erf\u00fcllt. Die unsagbare Ungeheuerlichkeit, dass die absolute Gottheit selbst nackt und bloss in unsere enge Kreat\u00fcrlichkeit hineinst\u00fcrzt, wird nicht echt wahrgenommen. Ich gestehe, dass es mir eine qu\u00e4lende, nicht bew\u00e4ltigte Aufgaben eines Theologen von heute zu sein scheint, ein besseres Vorstellungsmodell f\u00fcr dieses ewige Leben zu entdecken, das diese genannten Verharmlosungen von vornherein ausschliesst. Aber wie, aber wie?<\/p>\n<p>(51:15) Wenn die Engel des Todes all den nichtigen M\u00fcll, den wir unsere Geschichte nennen, aus den R\u00e4umen unseres Geistes hinausschaffen, hinausgeschafft haben, obwohl nat\u00fcrlich die wahre Essenz der getanen Freiheit bleiben wird; wenn alle Sterne unserer Ideale, mit denen wir selber aus eigener Anmassung den Himmel unserer Existenz drapiert haben, vergl\u00fcht und erloschen sind, wenn der Tod eine ungeheuerlich schweigende Leere errichtet hat und wir diese glaubend und hoffend als unser wahres Wesen schweigend angenommen haben, wenn dann unser bisheriges noch so langes Leben nur als eine einzige kurze Explosion unserer Freiheit erscheint, die uns wie in einer Zeitlupe gedehnt vorgekommen ist, eine Explosion, in der sich Frage in Antwort, M\u00f6glichkeit in Wirklichkeit, Zeit in Ewigkeit, angebotene in getane Freiheit umsetzte und wenn sich dann in einem ungeheuren Schrecken eines unsagbaren Jubels zeigt, dass diese ungeheure schweigende Leere, die wir als Tod empfinden, in Wahrheit erf\u00fcllt ist von dem Urgeheimnis, das wir Gott nennen, von seinem reinen Licht und seiner alles nehmenden und alles schenkenden Liebe und wenn uns dann auch noch aus diesem weiselosen Geheimnis doch das Antlitz Jesu des Gebenedeiten erscheint und uns anblickt und diese Konkretheit die g\u00f6ttliche \u00dcberbietung aller wahren Annahme der Unbegreiflichkeit des weiselosen Gottes ist, dann dann so ungef\u00e4hr m\u00f6chte ich nicht eigentlich beschreiben, was kommt, aber doch stammelnd andeuten, wie einer vorl\u00e4ufig das Kommende erwarten kann, indem er den Untergang des Todes selber schon als Aufgang dessen erf\u00e4hrt, was kommt.<\/p>\n<p>Achtzig Jahre sind eine lange Zeit. F\u00fcr jeden aber ist die Lebenszeit, die ihm zugemessen ist, der kurze Augenblick, in dem wird, was sein soll.<\/p>\n<h3>Anteilnahme nicht zu lange ausf\u00fchren oder auswalzen (54:09)<\/h3>\n<p>Und nun, sehr verehrte Zuh\u00f6rer, ich m\u00f6chte nach der Feier nicht noch einmal das Wort ergreifen mit Ausnahme einer kleinen Ausnahme ganz am Schluss und darum Ihnen jetzt schon herzlich danken f\u00fcr ihre Anteilnahme an dieser kleinen Geschichte, die mit einem Geburtstag von achtzig Jahren geschrieben ist. Ich danke Ihnen herzlich und bitte diesen herzlichen Dank nicht lange rhetorisch ausf\u00fchren oder auswalzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Bitte um ein kleines Gebet (54:55)<\/h3>\n<p>Ich danke Ihnen herzlich und bitte Sie als normaler Christ, der weiss worauf es ankommt, vielleicht sogar einmal ein kleines Gebet vor Gott zu tragen, damit seine Liebe und seine Barmherzigkeit mir endg\u00fcltig zu Teil wird. (Langer Applaus des Publikums).<\/p>\n<h3><strong>Weitere Hinweise und Quellen<\/strong><\/h3>\n<ul>\n<li>YouTube-Video: <a title=\"Karl Rahner &quot;Erfahrungen eines katholischen Theologen&quot; (1984) \" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Vthweqb97I4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K<span id=\"eow-title\" class=\"watch-title long-title\" dir=\"ltr\" title=\"Karl Rahner &quot;Erfahrungen eines katholischen Theologen&quot; (1984)\">arl Rahner &#171;Erfahrungen eines katholischen Theologen&#187; (1984)<\/span><\/a><\/li>\n<li><a title=\"Karl Rahner Archiv M\u00fcnchen\" href=\"http:\/\/www.karl-rahner-archiv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karl Rahner Archiv M\u00fcnchen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/karl-rahner-stiftung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karl Rahner Stiftung<\/a><\/li>\n<li>\u21d2 <a href=\"https:\/\/website.ifit.li\/?p=5031\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur\u00fcck zu Karl Rahner<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitte des Christentums ist die wirkliche Selbstmitteilung Gottes Hochw\u00fcrdigste Herren Bisch\u00f6fe, lieber Herr Generalvikar von Freiburg, liebe Festg\u00e4ste, Verwandte und Freunde! 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